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»tagebuch«
2006.07.03, 19:34
by peter folk
about: tagebuch
Kirchdorf-Süd, Sonntag und Montag 25. und 26. Juni "Die Sofas haben wohl wieder gewonnen."
Achtelfinale
Sonntag
England - Ecuador 1:0 (0:0)
Portugal - Niederlande 1:0 (1:0)
Montag
Italien - Australien 1:0 (0:0)
Schweiz - Ukraine 0:0 n.V. 0:3 i.E.
Um es vorweg zu nehmen, (machen wir es nicht größer als es ist): Die nächsten zwei Tage in Kirchdorf-Süd entsprachen in etwa dem Spannungsgehalt des Spiels England - Ecuador.
Als wir abermals den Vorplatz am Erlerring zwischen Kinderspielplatz und Mietergemeinschaftsraum betraten, wurden wir mit dem gleichen Hallo empfangen wie am Tag zuvor. Die gleichen Kinder schnappten sich die unsagbar schweren Möbel und waren wie aufgedreht. Sie hatte alle schwarz-rot-goldene Fahnen im Gesicht und blaue Lippen. Das lag nicht an kindlicher Unterkühlung, sondern an diesem eigenartigen Wassereis, das scheinbar das Lieblingseis aller Kinder in Hamburg ist. Vielleicht führen mich meine Recherchen eines Tages zum Namen dieser Eissorte, bis heute ist die Frage ungeklärt. Es hat den Effekt, das salle Kinder aussahen, als hätten sie sich für ein Gothic-Festival zurechtgemacht. Ich fands lustig, solange auf unseren Sofas keine Mundabdrücke waren.
Wieder stand das Wohnzimmer in zehn Minuten, wieder gab es das soeben beschriebene Hierarchiegerangel zwischen Alt und Jung. Zum Glück hört das ab einem bestimmten Alter auf, sonst hätten wir uns auch unentwegt von den Plätzen gezerrt.
Die Möbel hatten übrigens über Nacht in einem Mietergemeinschaftsraum gestanden, der extra für die WM fußballgerecht eingerichtet worden war, mit Fußball-Platzdeckchen, Fußball-Polstern, Fahnen, einem Spielplan an der Wand. Auf dem Klo gab es sogar Fußball-Klopapier. ?Der Raum wird noch nicht so gut angenommen?, meint Björn. Nichts gegen die Bemühungen, aber diese Tatsache ist für mich keine Überraschung. Die Einrichtung ist karg und erinnert eher an eine Möbel-Rieger-Sonderposten-Schau, an Sperrmüll halt, genau wie unser Wohnzimmer. Aber die Absicht ist verständlich. Hier in diesen Wohngebieten grassiert das Desinteresse. Desinteresse am Nachbarn, am Wohnumfeld, kurz: an dem was um die eigene Wohnung herum passiert. Da sind solche Treffs ganz hilfreich. Selbst das WM-Wohnzimmer als besondere Attraktion hat damit zu kämpfen. Die Leute schauen mal kurz hinter der Gardine vor, sehen dass ihre Kinder gut aufgehoben sind und setzen sich wieder vor ihren Fernseher. Doch schon an diesem zweiten Tag, trauen sich ein paar mehr ?Erwachsene? zu uns. Kinder besuchen uns ja mehr als uns lieb ist. Es ist schon ein Phänomen, dass gerade in diesen Vororten solch eine Scheu vor uns herrscht. In St.Georg vor einer Woche schien es für die Anwohner selbstverständlich zu sein, sich zu uns zu setzen. Sie betrachteten das Wohnzimmer sofort als das ihre. Liegt es an den unterschiedlichen sozialen Schichten, den Nationalitäten, dem Alter? Ich weiß es nicht. Bis auf tolle Ausnahmen und eine ganze Reihe von sehr netten, begeisterten und hilfreichen Menschen haben wir oft das Gefühl, zunächst einmal Fremdkörper in einer Wohnroutine zu sein. Eine Wohnroutine, die zwar ihre Schattenseiten birgt, aber dafür keine fremden Gesichter, die plötzlich ihr Wohnzimmer auf den Spielplatz stellen. Das ist jetzt weder positiv noch negativ gemeint, es ist nur eine Beobachtung, die wir in fast allen Gebieten anstellen mussten.
15:00
Anstoß England. Ich hoffe auf die Ecuadorianer. England spielt einen behäbigen, altmodischen Fußball. So etwas muss bestraft werden. Aber Ecuador spielt noch hölzerner und noch behäbiger. Dieses Spiel ist eine absolute Schlaftablette. Am Ende entscheidet eine Standardsituation, ausgerechnet ein Freistoß von Beckham. Was in dem Sinne ärgerlich ist, dass wir der Gummipuppe Viktoria ?Posch? Beckham beim Jubeln zuschauen müssen. Diese Frau ist nicht zu fassen. Gut, alle lästern, keiner kann sie leiden, aber ich bin doch immer wieder aufs Neue überrascht, dass es so etwas gibt. Das ist wohl nichts, was es nicht gibt auf dieser Welt.
Nach gefühlten 14 Stunden ist das Spiel dabei. Am Ende bin ich Beckham dankbar, dass er uns eine Verlängerung erspart hat.
Unser Blick geht gen Himmel, ein Gewitter zieht auf, Schluss für heute. Das Gebolze Portugal ? Niederlande schau ich mir zu Hause an. Während der Regen gegen meine Scheibe schlägt und eine 90minütige Massenschlägerei im Nürnberger Frankenstadion live übertragen wird, liege ich vor dem Fernseher und bin froh, dass ich jetzt nicht durchnässt zwischen Spielplatz und Mietergemeinschaftsraum sitzen muss.
26. Juni Tag 3:
Das Gewitter hat sich verzogen, der Himmel ist leicht bewölkt. Die Sonne auf den Hochhausfassaden hat immer etwas Südländisches. Es ist heiß. Für einen kurzen Moment bilde ich mir ein, in einem Vorort irgendeiner italienischen Großstadt zu sein. Unser Wohnzimmer ist bevölkert von halbwüchsigen Tifosi, die jetzt, eine halbe Stunde vor Spielbeginn schon ?Italia!, Italia? schreien. Ich halte natürlich zum Außenseiter, zu Australien und bekunde dies auch lautstark. Soll ruhig jeder wissen, dass ich zum Underdog halte. Ich fühle mich gut in meiner Rolle als Außenseiter. Wenn alle gegen mich sind im Stadion, dann funktioniere ich am besten. Ganz so ist es leider nicht, ich bin Teil der 50% hier, die für die Australier sind. Irgendwie muss man sich dieses Spiel ja spannend reden.
Es ging gar nicht schlecht los, die Australier kommen in der 2. Minute schon mal schnell über die rechte Seite und Toni köpft für die Italiener zwei Minuten später knapp vorbei. Ja, das können sie die Italiener. Erst mal hinten alle reinstellen, alles zustellen, abwarten, Geduld haben, den Gegner mürbe spielen, dann eiskalt zuschlagen. Zack, zack und ab auf Toni.
Aber in der 30. Minute hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Nach Freistoß Breschiano landet der Ball bei Chipperfield. Volleyschuss. Buffon ist unten. Immer auf der Höhe, dieser Mann. An ihm sind ja schon die Bayern in der Champions League vor zwei Jahren verzweifelt. Aber die Australier machen das ganz gut. Sie lassen sich von den Italienern nicht die Butter vom Brot nehmen und bestimmen das Spiel.
5 Minuten nach der Pause ist ihr System entscheidend gestört: Materazzi sieht Rot nach Foul gegen Breschiano. Und die Australier im Drücker. Die Münder der kleinen Italien-Fans stehen offen, von Angst gezeichnet. Wir abgeklärten Erwachsenen, die zum Außenseiter halten, frohlocken. Ja, diese kleinen kindlichen Fans. Lassen sich verblenden vom aufgesetzten Stargehabe der Squadra Azzura, von Fußballern in Dolce&Gabbana-Unterhosen, von Panini-Bildern, von BravoSport-Postern. Wir erfahrenen Fußball-Ästheten wissen: die Zeit dieser italienischen Fußball-Zerstörer ist vorbei!
18:45
Gleich geht es in die Verlängerung. Die Italiener sind fertig. Sie spielen seit 40 Minuten zu zehnt. Ich bin mir sicher: wenn Australien die Verlängerung erreicht, werden sie auch gewinnen.
Doch dann passiert doch noch das Unfassbare. Grosso, dringt ?zugegebenermassen dynamisch ? in den australischen Strafraum ein und stolpert über den ausrutschenden Neill. Elfmeter! Es schießt Totti. Totti ist mir noch am sympathischsten. Er wird so oft verlacht und verrissen aber auch bewundert und verehrt. Er hat es nicht einfach zu Hause in Italien. Er zögert keine Sekunde, nimmt sich den Ball und verwandelt sicher. Die Italo-Kurve springt auf und schreit. Na, egal, so wichtig waren mir die Australier auch nicht. Sollen sie doch weiterspielen. Spätestens im Halbfinale gegen Deutschland ist Schluss. Das garantiere ich Euch. Aber solch ein Glück wie die Italiener, das haben irgendwie nur die etablierten Mannschaften, die sowieso schon alles gewonnen haben. Ist jemals Senegal so etwas widerfahren, oder Norwegen, oder Ghana oder den Australiern? Nein. Immer nur solche Mannschaften wie Italien. Aber wir Deutschen sollten da vielleicht ganz ruhig sein.
Nach drei Tagen verlassen wir Kirchdorf-Süd. Ich gebe zu, meine Vorurteile meldeten sich zunächst massiv zu Wort, der Artikel hat mir den Rest gegeben. Am Ende muss man sagen, das hier war eine der angenehmsten Stationen auf unserer Tour, auch eine der interessantesten. Und als wir hinter der Pferdekoppel Richtung Autobahn abbogen und die Bäume so langsam die Hochhäuser verdeckten, war so etwas wie Wehmut zu spüren in unserem Sprinter-Cockpit. Und als ich zum letzten Mal zurückschaute, da ging die Sonne unter.
Ach ja, mit einem Zitat hatten wir begonnen, nun enden wir auch mit einem aus dem gleichen Artikel, zweiter Absatz, letzter Satz:
?Die Sofas haben wohl wieder gewonnen.?
Sonntag
England - Ecuador 1:0 (0:0)
Portugal - Niederlande 1:0 (1:0)
Montag
Italien - Australien 1:0 (0:0)
Schweiz - Ukraine 0:0 n.V. 0:3 i.E.
Um es vorweg zu nehmen, (machen wir es nicht größer als es ist): Die nächsten zwei Tage in Kirchdorf-Süd entsprachen in etwa dem Spannungsgehalt des Spiels England - Ecuador.
Als wir abermals den Vorplatz am Erlerring zwischen Kinderspielplatz und Mietergemeinschaftsraum betraten, wurden wir mit dem gleichen Hallo empfangen wie am Tag zuvor. Die gleichen Kinder schnappten sich die unsagbar schweren Möbel und waren wie aufgedreht. Sie hatte alle schwarz-rot-goldene Fahnen im Gesicht und blaue Lippen. Das lag nicht an kindlicher Unterkühlung, sondern an diesem eigenartigen Wassereis, das scheinbar das Lieblingseis aller Kinder in Hamburg ist. Vielleicht führen mich meine Recherchen eines Tages zum Namen dieser Eissorte, bis heute ist die Frage ungeklärt. Es hat den Effekt, das salle Kinder aussahen, als hätten sie sich für ein Gothic-Festival zurechtgemacht. Ich fands lustig, solange auf unseren Sofas keine Mundabdrücke waren.
Wieder stand das Wohnzimmer in zehn Minuten, wieder gab es das soeben beschriebene Hierarchiegerangel zwischen Alt und Jung. Zum Glück hört das ab einem bestimmten Alter auf, sonst hätten wir uns auch unentwegt von den Plätzen gezerrt.
Die Möbel hatten übrigens über Nacht in einem Mietergemeinschaftsraum gestanden, der extra für die WM fußballgerecht eingerichtet worden war, mit Fußball-Platzdeckchen, Fußball-Polstern, Fahnen, einem Spielplan an der Wand. Auf dem Klo gab es sogar Fußball-Klopapier. ?Der Raum wird noch nicht so gut angenommen?, meint Björn. Nichts gegen die Bemühungen, aber diese Tatsache ist für mich keine Überraschung. Die Einrichtung ist karg und erinnert eher an eine Möbel-Rieger-Sonderposten-Schau, an Sperrmüll halt, genau wie unser Wohnzimmer. Aber die Absicht ist verständlich. Hier in diesen Wohngebieten grassiert das Desinteresse. Desinteresse am Nachbarn, am Wohnumfeld, kurz: an dem was um die eigene Wohnung herum passiert. Da sind solche Treffs ganz hilfreich. Selbst das WM-Wohnzimmer als besondere Attraktion hat damit zu kämpfen. Die Leute schauen mal kurz hinter der Gardine vor, sehen dass ihre Kinder gut aufgehoben sind und setzen sich wieder vor ihren Fernseher. Doch schon an diesem zweiten Tag, trauen sich ein paar mehr ?Erwachsene? zu uns. Kinder besuchen uns ja mehr als uns lieb ist. Es ist schon ein Phänomen, dass gerade in diesen Vororten solch eine Scheu vor uns herrscht. In St.Georg vor einer Woche schien es für die Anwohner selbstverständlich zu sein, sich zu uns zu setzen. Sie betrachteten das Wohnzimmer sofort als das ihre. Liegt es an den unterschiedlichen sozialen Schichten, den Nationalitäten, dem Alter? Ich weiß es nicht. Bis auf tolle Ausnahmen und eine ganze Reihe von sehr netten, begeisterten und hilfreichen Menschen haben wir oft das Gefühl, zunächst einmal Fremdkörper in einer Wohnroutine zu sein. Eine Wohnroutine, die zwar ihre Schattenseiten birgt, aber dafür keine fremden Gesichter, die plötzlich ihr Wohnzimmer auf den Spielplatz stellen. Das ist jetzt weder positiv noch negativ gemeint, es ist nur eine Beobachtung, die wir in fast allen Gebieten anstellen mussten.
15:00
Anstoß England. Ich hoffe auf die Ecuadorianer. England spielt einen behäbigen, altmodischen Fußball. So etwas muss bestraft werden. Aber Ecuador spielt noch hölzerner und noch behäbiger. Dieses Spiel ist eine absolute Schlaftablette. Am Ende entscheidet eine Standardsituation, ausgerechnet ein Freistoß von Beckham. Was in dem Sinne ärgerlich ist, dass wir der Gummipuppe Viktoria ?Posch? Beckham beim Jubeln zuschauen müssen. Diese Frau ist nicht zu fassen. Gut, alle lästern, keiner kann sie leiden, aber ich bin doch immer wieder aufs Neue überrascht, dass es so etwas gibt. Das ist wohl nichts, was es nicht gibt auf dieser Welt.
Nach gefühlten 14 Stunden ist das Spiel dabei. Am Ende bin ich Beckham dankbar, dass er uns eine Verlängerung erspart hat.
Unser Blick geht gen Himmel, ein Gewitter zieht auf, Schluss für heute. Das Gebolze Portugal ? Niederlande schau ich mir zu Hause an. Während der Regen gegen meine Scheibe schlägt und eine 90minütige Massenschlägerei im Nürnberger Frankenstadion live übertragen wird, liege ich vor dem Fernseher und bin froh, dass ich jetzt nicht durchnässt zwischen Spielplatz und Mietergemeinschaftsraum sitzen muss.
26. Juni Tag 3:
Das Gewitter hat sich verzogen, der Himmel ist leicht bewölkt. Die Sonne auf den Hochhausfassaden hat immer etwas Südländisches. Es ist heiß. Für einen kurzen Moment bilde ich mir ein, in einem Vorort irgendeiner italienischen Großstadt zu sein. Unser Wohnzimmer ist bevölkert von halbwüchsigen Tifosi, die jetzt, eine halbe Stunde vor Spielbeginn schon ?Italia!, Italia? schreien. Ich halte natürlich zum Außenseiter, zu Australien und bekunde dies auch lautstark. Soll ruhig jeder wissen, dass ich zum Underdog halte. Ich fühle mich gut in meiner Rolle als Außenseiter. Wenn alle gegen mich sind im Stadion, dann funktioniere ich am besten. Ganz so ist es leider nicht, ich bin Teil der 50% hier, die für die Australier sind. Irgendwie muss man sich dieses Spiel ja spannend reden.
Es ging gar nicht schlecht los, die Australier kommen in der 2. Minute schon mal schnell über die rechte Seite und Toni köpft für die Italiener zwei Minuten später knapp vorbei. Ja, das können sie die Italiener. Erst mal hinten alle reinstellen, alles zustellen, abwarten, Geduld haben, den Gegner mürbe spielen, dann eiskalt zuschlagen. Zack, zack und ab auf Toni.
Aber in der 30. Minute hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Nach Freistoß Breschiano landet der Ball bei Chipperfield. Volleyschuss. Buffon ist unten. Immer auf der Höhe, dieser Mann. An ihm sind ja schon die Bayern in der Champions League vor zwei Jahren verzweifelt. Aber die Australier machen das ganz gut. Sie lassen sich von den Italienern nicht die Butter vom Brot nehmen und bestimmen das Spiel.
5 Minuten nach der Pause ist ihr System entscheidend gestört: Materazzi sieht Rot nach Foul gegen Breschiano. Und die Australier im Drücker. Die Münder der kleinen Italien-Fans stehen offen, von Angst gezeichnet. Wir abgeklärten Erwachsenen, die zum Außenseiter halten, frohlocken. Ja, diese kleinen kindlichen Fans. Lassen sich verblenden vom aufgesetzten Stargehabe der Squadra Azzura, von Fußballern in Dolce&Gabbana-Unterhosen, von Panini-Bildern, von BravoSport-Postern. Wir erfahrenen Fußball-Ästheten wissen: die Zeit dieser italienischen Fußball-Zerstörer ist vorbei!
18:45
Gleich geht es in die Verlängerung. Die Italiener sind fertig. Sie spielen seit 40 Minuten zu zehnt. Ich bin mir sicher: wenn Australien die Verlängerung erreicht, werden sie auch gewinnen.
Doch dann passiert doch noch das Unfassbare. Grosso, dringt ?zugegebenermassen dynamisch ? in den australischen Strafraum ein und stolpert über den ausrutschenden Neill. Elfmeter! Es schießt Totti. Totti ist mir noch am sympathischsten. Er wird so oft verlacht und verrissen aber auch bewundert und verehrt. Er hat es nicht einfach zu Hause in Italien. Er zögert keine Sekunde, nimmt sich den Ball und verwandelt sicher. Die Italo-Kurve springt auf und schreit. Na, egal, so wichtig waren mir die Australier auch nicht. Sollen sie doch weiterspielen. Spätestens im Halbfinale gegen Deutschland ist Schluss. Das garantiere ich Euch. Aber solch ein Glück wie die Italiener, das haben irgendwie nur die etablierten Mannschaften, die sowieso schon alles gewonnen haben. Ist jemals Senegal so etwas widerfahren, oder Norwegen, oder Ghana oder den Australiern? Nein. Immer nur solche Mannschaften wie Italien. Aber wir Deutschen sollten da vielleicht ganz ruhig sein.
Nach drei Tagen verlassen wir Kirchdorf-Süd. Ich gebe zu, meine Vorurteile meldeten sich zunächst massiv zu Wort, der Artikel hat mir den Rest gegeben. Am Ende muss man sagen, das hier war eine der angenehmsten Stationen auf unserer Tour, auch eine der interessantesten. Und als wir hinter der Pferdekoppel Richtung Autobahn abbogen und die Bäume so langsam die Hochhäuser verdeckten, war so etwas wie Wehmut zu spüren in unserem Sprinter-Cockpit. Und als ich zum letzten Mal zurückschaute, da ging die Sonne unter.
Ach ja, mit einem Zitat hatten wir begonnen, nun enden wir auch mit einem aus dem gleichen Artikel, zweiter Absatz, letzter Satz:
?Die Sofas haben wohl wieder gewonnen.?
2006.07.15, 15:58
by peter folk
about: tagebuch
Veddel, 8. Juni 2006 und eine kleine Vorgeschichte. "Seien sie froh, dass sie nicht an den Kollegen geraten sind."
Spiel um Platz 3:
Deutschland - Portugal 3:1
Nun ist es beinahe schon eine Woche her, dass wir unsere letzte Station Veddel verließen. Mittlerweile ist unser Transporter wieder in seinem Stall in der Stresemannstraße, unsere Möbel sind nicht mehr unsere, wir haben sie einfach dem sympathischen Café Unmut in Veddel überlassen. Selbst unser Teppich, dessen Gerüche unterschiedlichster Herkunft, die er inzwischen angenommen hatte ganze Enzyklopädien füllen konnten, hat dort mittlerweile ein neues Zuhause gefunden.
Vielleicht hat es diese Woche gebraucht, um die Dinge noch ein wenig Revue passieren zu lassen. Ich persönlich bin zum Glück nicht in dieses Nach-WM-Loch gefallen, wie so viele andere. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich auch ein wenig froh, dass die ganze Geschichte vorbei ist. Nicht, dass wir keinen Spaß hatten oder die Motivation abgenommen hätte: aber ich fühlte mich am Ende doch wie auf der letzten Geraden einer anstrengenden Jogging-Strecke, die zu guter Letzt auch noch einen Anstieg bereithielt. Die Oberschenkel brannten, der Hals verspannte sich, die Gesichtszüge waren zur Fratze verzogen. Das alles ist selbstverständlich metaphorisch zu betrachten. Die jungen Leute in Veddel trafen uns durchaus als fröhliche Zeitgenossen und nicht als ausgelaugte Leistungssportler. Ich beschreibe hier eher einen inneren Zustand.
Doch wir wollen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Wenn mich eines am Fußballkommentaren stört, dann sind es Spielanalysen in der 85. Minute. Die letzten 5 Minuten plus Nachspielzeit waren noch zu spielen. Für uns fanden sie in Veddel statt und immerhin spielte die deutsche Mannschaft noch um Platz 3.
Steigen wir mit unserer Geschichte zu einem Zeitpunkt ein, als die deutsche Mannschaft noch nicht wusste, dass sie am Samstag im Kleinen Finale in Stuttgart spielen würde. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie noch nach Berlin und einen Tag länger frei haben.
Einen Tag vor dem Halbfinale machte ich mich also auf den Weg nach Veddel. GoogleMaps hatte mir den Weg gewiesen. Alles schien ganz einfach und doch wurde es fast eine Reise ohne Wiederkehr. Bis zur Autobahnabfahrt Georgswerder verlief alles nach Plan. Der Sprinter schnurrte auf dem direkten Weg nach Veddel. Doch kurz danach begannen die Schwierigkeiten. GoogleMaps erwies sich als ignorant und schluderig, also als nicht besonders genau. Ich befand mich zwar kurz in der gesuchten Veddeler Brückenstraße, bog dann allerdings falsch ab und geriet auf einen Straßenverbund, der getrost den Namen ?Teufelskreis? verdient hätte. Nachdem ich beinahe das gesamte Freihafengelände abgefahren hatte, geriet ich, noch ohne es zu wissen in ein Leitsystem, dass mich auf direkten Wege in eine Zollfahndung führen sollte. Ich versuchte ruhig zu bleiben und die nette Aussicht auf die Hafenanlagen zu genießen, aber auf meinem Weg durch den Teufelskreis hatte ich bald alles schon dreimal gesehen. Ich überquerte eine Elbbrücke, die mich endgültig ins Verderben schicken sollte, denn Sekunden später stand ich an einer Zollschranke. Als der Zollbeamte die Tür öffnete sprang ihm mein weißer ?Yahoo!?-Ball entgegen, den der aufmerksame Kolumnist von yahoo.de mit nach Hamburg-Nord gebracht hatte. ?Huch, was kommt denn da?!?... ?Haben sie etwas zu verzollen?? ? ?Nein, ich habe mich verfahren. Ich habe hinten Möbiliar für ein Projekt namens Wohnzi....? ? ?Na, steigen sie mal aus.? ? ?Scheiße, dachte ich. Ich packe den ganzen Krempel jetzt nicht aus. Kann man das hier nicht mal richtig ausschildern. Ich habe so einen Hals.? Ich öffnete die Hintertür. Ein unglaublicher Mief kam uns entgegen. Unter dem Teppich, der den Hauptgestank verbreitete, schauten ein paar Bierkästen hervor. ?Haben sie etwas zu verzollen?? ? ?Nein, ich habe mich nur verfahren- Ich wollte zum Café Unmut in die Veddeler Brückenstraße..? ? ?Na, wenn sie hier durchfahren, haben sie doch etwas zu verzollen, oder nicht?? ? ?Nein, wie gesagt, ich habe mich nur verfahren.? ? ?Was haben sie denn da?? ? ?Na , da sind Möbel, also Sofas, ein Kühlschrank...? ? ?Da können sie ja sonder was drunter haben.? ? ?Warten sie?, sagte ich und ging zum Führerhäuschen. Der Flyer war jetzt meine letzte Hoffnung. Ich schenkte dem Zollbeamten einen und erklärte das Projekt, doch er blieb ungerührt. ?Sein sie froh, dass sie an mich geraten sind. Da könnte alles mögliche drin sein. Ich lass sie heute mal noch ausnahmsweise weiterfahren.? Er erklärte mir noch einmal den Weg und ich brauste los. Nur weg hier. Etwas später rief ich Martin vom Café Unmut an und er leitete mich einen Moment lang übers Telefon. ?Ok, jetzt finde ich es?, sagte ich noch (definitiv zu früh)und legte auf. Kurz darauf befand ich mich wieder auf dieser Elbbrücke. ?Nein, nicht schon wieder?, dachte ich und hielt Ausschau nach einer Wendemöglichkeit.
?Huch, den kenn` ich doch?, meinte der Zollbeamte, als ihm beim Türaufmachen der yahoo-Ball entgegen sprang. Leider war es diesmal nicht der selbe Beamte, so dass ich ihm meine Leidensgeschichte noch einmal erzählen musste. Ich drückte auf die Tränendrüse: ?Ich bin schon ganz verzweifelt, ich will doch nur nach Veddel.? ? ?Na machen sie mal auf.? Wieder öffnete ich die Tür. Der gleiche Mief, das gleiche Bild. ?Haben sie etwas zu verzollen. Ja, hatte ich ihm eben nicht eindrucksvoll erklärt, was hier vor sich ging? ICH HABE NICHTS ZU VERZOLLEN: ICH HABE MICH NUR VERFAHREN: WEIL DIESES BESCHISSENE LEITSYSTEM HIER SO BESCHISSEN AUSGESCHILDERT IST!!? Das dachte ich natürlich nur und schüttelte den Kopf. ?Na, da können sie froh sein, dass sie nicht an den Kollegen geraten sind. Dann hätten sie schön auspacken können.? Ich war bereits an den Kollegen geraten, das musst du doch mitbekommen haben!, dachte ich. Sie schoben sich offenbar gerne gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Und offensichtlich schien es hier als schicklicher zu gelten, es mit der Konsequenz nicht so genau zu nehmen.
Letztendlich erreichte ich doch noch das Café Unmut , dessen nicht so glücklicher Name allerdings genau meinen Gemütszustand traf.
Ein paar Studenten hatten hier von der SAGA einen ehemaligen Laden oder etwas in der Art kostenlos zu Verfügung gestellt bekommen und hatten einen Club draus gemacht. Alles machte einen sehr entspannten Eindruck. Das alles verlangsamende heiß-schwüle Wetter tat sein Übriges.
Vor der Tür stand schon ein komplettes Wohnzimmer, zusammentragen bei diversen Sperrmüllsammlungen. Der schwache Wind wehte ein wenig Staub auf die hellen Sitzpolster. ? Da brauchen wir ja gar nichts mehr mitbringen?, meinte ich. ?Ne, ist eigentlich ist alles da. Wir haben dann auch eine Leinwand hier drinnen am Samstag.? ? ?Wie bitte?!?
Im hinteren Teil des Raums stand ein Kickertisch, seitlich eine Bar und aus der kleinen Kompaktanlage erklang zeitgenössische Rockmusik. Liegestühle und diverse Kleinigkeiten gaben dem Laden einen alternativ-verträumten Anstrich. `Die brauchen uns hier gar nicht!`, dachte ich noch, aber was soll`s. Keine Diskussion jetzt, wir stehen vor der letzten Station. Und außerdem freute ich mich drauf, hier wirkte alles sehr nett.
8. Juli
?Veddel ist eine Insel?, sagt Martin, der den Laden mit anderen zusammen betreut. In der Tat erscheint Veddel wie ein klitzekleines Eiland zwischen Freihafen, weitverzweigten Schienennetz und der Autobahn. Sozusagen das Bikini-Atoll der Hansestadt. In den nächsten Jahren soll der Stadtteil noch attraktiver gestaltet werden für Künstler und Studenten und irgendwann einmal den Szeneverbund Schanze-Kiez-Eimsbüttel vergrößern. ?Das wird nie gelingen?, sagt Martin. Er ist einer von ca. 300 Studenten, die es hier nach Veddel verschlagen hat. Und das ganz bewusst. Die Mieten sind billiger, sie können hier einen Club organisieren und das mietfrei. Undenkbar am Schulterblatt beispielsweise. Warum auch nicht, die S-Bahn-Station ist gleich in der Nähe. Im Prinzip besteht Veddel nur aus ein paar Straßen, die eingerahmt werden von roten vierstöckigen Klinkerbauten. Ansonsten entdeckt man noch den unvermeidlichen Dönerladen und einen kleinen Supermarkt. Reicht ja auch.
19:00
?Wieso hat denn keiner gesagt, dass ihr auch eine Bar macht? Wir haben jetzt gut eingekauft.?, meint der Schatzmeister des Café Unmut. Irgendwas war da falsch angekommen. Wir entschieden uns schließlich für zwei parallele Bars, eine drinnen, eine draußen. Zehn Minuten hing ein Schild am Café. ?Hier gibt es die richtig kalten Getränke.? Daneben ein Pfeil, der ins Innere führte. Wir standen draußen unter dem Coca-Cola-Schirm an unserer Bar, die lediglich aus einem (zumeist defekten) Kühlschrank bestand und mussten zugeben, dieses Schild war nicht übertrieben. Ein wenig grimmig beäugten wir die Abtrünnigen, die sich in der inneren Bar ihr Getränk kauften und sich dann draußen in unsere Möbel setzten. Verrat!
In der Zwischenzeit hatte ein Türke, der offenbar schon vor sehr langer Zeit auf die Welt gekommen war, sein Bier neben mir abgestellt und fing an zu schimpfen. Er könne nicht verstehen, dass wir (!) in der 118. Minute gegen Italien geschlafen hatten. Das wir dieses Spiel noch aus der Hand gegeben hatte. Er war richtig sauer auf uns. Also nicht nur auf Ballack und Co., sondern auf uns, auf uns Deutsche. Wir wurden von ihm in Kollektivhaft genommen. Ich zuckte mit den Schultern und entschuldigte mich. Ja, da hatte ich wohl geschlafen, aber immerhin hatte ich schon 2 Stunden Tempofußball in den Knochen. Ich rief noch zum Micha: "Greif an!" aber es war zu spät. Ich selbst kam nicht mehr hin. Das Spiel war ja in Dortmund und ich saß in Hamburg-Nord. Da kam einiges an Pech zusammen. Keine weiteren Diskussionen jetzt. Das führte zu nichts. Der alte Mann zog fluchend von dannen. "Ihr nicht haben verdient Finale!" Ja, ja. Ich konzentrierte mich lieber darauf, wer hier weiterhin in unseren Möbeln das Bier von drinnen trank.
Innen lief das Spiel auf einer Leinwand, draußen unsere Fernseher. Innen stand ein Wohnzimmer, unseres stand draußen. Unsere Idee war schon lange vor uns hier angekommen und wir fühlten uns zunächst ein wenig überflüssig. Das legte sich allerdings bald durch die ungezwungene Stimmung, die jegliches Konkurrenzdenken im Keime ersticken ließ.
21:00
Anstoß
Die Aufstellung der Deutschen ließ nichts Gutes erhoffen. Mertesacker, Ballack, Borowski verletzt. Schön, dass Oli Kahn noch mal rein durfte. Die erste Halbzeit verlief ein wenig schleppend, in der zweiten schlug dann Schweinsteiger zu. Ich verpasste alle drei Tore. Beim ersten bestellte ich gerade ein paar Pommes beim Döner gegenüber. Beim zweiten versuchte ich unseren weißen yahoo-Ball einer Horde Kids zu entreißen, die damit über alle Berge wollten. Und beim Dritten war ich ganz profan auf dem Klo. Ich verpasste übrigens auch noch das portugiesische Tor, aber das machte nichts an diesem Abend. Der Druck war lange weg gewesen. Wir freuten uns natürlich über den Sieg. Dritter Platz ist ja nicht schlecht, aber so ein WM-Titel, das wär`s schon gewesen. Nun ja, morgen war ja noch Finale, das hatte ich fast vergessen und wir würden noch mal wiederkommen, hier nach Veddel, auf die Wohnzimmer-Insel.
Deutschland - Portugal 3:1
Nun ist es beinahe schon eine Woche her, dass wir unsere letzte Station Veddel verließen. Mittlerweile ist unser Transporter wieder in seinem Stall in der Stresemannstraße, unsere Möbel sind nicht mehr unsere, wir haben sie einfach dem sympathischen Café Unmut in Veddel überlassen. Selbst unser Teppich, dessen Gerüche unterschiedlichster Herkunft, die er inzwischen angenommen hatte ganze Enzyklopädien füllen konnten, hat dort mittlerweile ein neues Zuhause gefunden.
Vielleicht hat es diese Woche gebraucht, um die Dinge noch ein wenig Revue passieren zu lassen. Ich persönlich bin zum Glück nicht in dieses Nach-WM-Loch gefallen, wie so viele andere. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich auch ein wenig froh, dass die ganze Geschichte vorbei ist. Nicht, dass wir keinen Spaß hatten oder die Motivation abgenommen hätte: aber ich fühlte mich am Ende doch wie auf der letzten Geraden einer anstrengenden Jogging-Strecke, die zu guter Letzt auch noch einen Anstieg bereithielt. Die Oberschenkel brannten, der Hals verspannte sich, die Gesichtszüge waren zur Fratze verzogen. Das alles ist selbstverständlich metaphorisch zu betrachten. Die jungen Leute in Veddel trafen uns durchaus als fröhliche Zeitgenossen und nicht als ausgelaugte Leistungssportler. Ich beschreibe hier eher einen inneren Zustand.
Doch wir wollen nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Wenn mich eines am Fußballkommentaren stört, dann sind es Spielanalysen in der 85. Minute. Die letzten 5 Minuten plus Nachspielzeit waren noch zu spielen. Für uns fanden sie in Veddel statt und immerhin spielte die deutsche Mannschaft noch um Platz 3.
Steigen wir mit unserer Geschichte zu einem Zeitpunkt ein, als die deutsche Mannschaft noch nicht wusste, dass sie am Samstag im Kleinen Finale in Stuttgart spielen würde. Zu diesem Zeitpunkt wollte sie noch nach Berlin und einen Tag länger frei haben.
Einen Tag vor dem Halbfinale machte ich mich also auf den Weg nach Veddel. GoogleMaps hatte mir den Weg gewiesen. Alles schien ganz einfach und doch wurde es fast eine Reise ohne Wiederkehr. Bis zur Autobahnabfahrt Georgswerder verlief alles nach Plan. Der Sprinter schnurrte auf dem direkten Weg nach Veddel. Doch kurz danach begannen die Schwierigkeiten. GoogleMaps erwies sich als ignorant und schluderig, also als nicht besonders genau. Ich befand mich zwar kurz in der gesuchten Veddeler Brückenstraße, bog dann allerdings falsch ab und geriet auf einen Straßenverbund, der getrost den Namen ?Teufelskreis? verdient hätte. Nachdem ich beinahe das gesamte Freihafengelände abgefahren hatte, geriet ich, noch ohne es zu wissen in ein Leitsystem, dass mich auf direkten Wege in eine Zollfahndung führen sollte. Ich versuchte ruhig zu bleiben und die nette Aussicht auf die Hafenanlagen zu genießen, aber auf meinem Weg durch den Teufelskreis hatte ich bald alles schon dreimal gesehen. Ich überquerte eine Elbbrücke, die mich endgültig ins Verderben schicken sollte, denn Sekunden später stand ich an einer Zollschranke. Als der Zollbeamte die Tür öffnete sprang ihm mein weißer ?Yahoo!?-Ball entgegen, den der aufmerksame Kolumnist von yahoo.de mit nach Hamburg-Nord gebracht hatte. ?Huch, was kommt denn da?!?... ?Haben sie etwas zu verzollen?? ? ?Nein, ich habe mich verfahren. Ich habe hinten Möbiliar für ein Projekt namens Wohnzi....? ? ?Na, steigen sie mal aus.? ? ?Scheiße, dachte ich. Ich packe den ganzen Krempel jetzt nicht aus. Kann man das hier nicht mal richtig ausschildern. Ich habe so einen Hals.? Ich öffnete die Hintertür. Ein unglaublicher Mief kam uns entgegen. Unter dem Teppich, der den Hauptgestank verbreitete, schauten ein paar Bierkästen hervor. ?Haben sie etwas zu verzollen?? ? ?Nein, ich habe mich nur verfahren- Ich wollte zum Café Unmut in die Veddeler Brückenstraße..? ? ?Na, wenn sie hier durchfahren, haben sie doch etwas zu verzollen, oder nicht?? ? ?Nein, wie gesagt, ich habe mich nur verfahren.? ? ?Was haben sie denn da?? ? ?Na , da sind Möbel, also Sofas, ein Kühlschrank...? ? ?Da können sie ja sonder was drunter haben.? ? ?Warten sie?, sagte ich und ging zum Führerhäuschen. Der Flyer war jetzt meine letzte Hoffnung. Ich schenkte dem Zollbeamten einen und erklärte das Projekt, doch er blieb ungerührt. ?Sein sie froh, dass sie an mich geraten sind. Da könnte alles mögliche drin sein. Ich lass sie heute mal noch ausnahmsweise weiterfahren.? Er erklärte mir noch einmal den Weg und ich brauste los. Nur weg hier. Etwas später rief ich Martin vom Café Unmut an und er leitete mich einen Moment lang übers Telefon. ?Ok, jetzt finde ich es?, sagte ich noch (definitiv zu früh)und legte auf. Kurz darauf befand ich mich wieder auf dieser Elbbrücke. ?Nein, nicht schon wieder?, dachte ich und hielt Ausschau nach einer Wendemöglichkeit.
?Huch, den kenn` ich doch?, meinte der Zollbeamte, als ihm beim Türaufmachen der yahoo-Ball entgegen sprang. Leider war es diesmal nicht der selbe Beamte, so dass ich ihm meine Leidensgeschichte noch einmal erzählen musste. Ich drückte auf die Tränendrüse: ?Ich bin schon ganz verzweifelt, ich will doch nur nach Veddel.? ? ?Na machen sie mal auf.? Wieder öffnete ich die Tür. Der gleiche Mief, das gleiche Bild. ?Haben sie etwas zu verzollen. Ja, hatte ich ihm eben nicht eindrucksvoll erklärt, was hier vor sich ging? ICH HABE NICHTS ZU VERZOLLEN: ICH HABE MICH NUR VERFAHREN: WEIL DIESES BESCHISSENE LEITSYSTEM HIER SO BESCHISSEN AUSGESCHILDERT IST!!? Das dachte ich natürlich nur und schüttelte den Kopf. ?Na, da können sie froh sein, dass sie nicht an den Kollegen geraten sind. Dann hätten sie schön auspacken können.? Ich war bereits an den Kollegen geraten, das musst du doch mitbekommen haben!, dachte ich. Sie schoben sich offenbar gerne gegenseitig den Schwarzen Peter zu. Und offensichtlich schien es hier als schicklicher zu gelten, es mit der Konsequenz nicht so genau zu nehmen.
Letztendlich erreichte ich doch noch das Café Unmut , dessen nicht so glücklicher Name allerdings genau meinen Gemütszustand traf.
Ein paar Studenten hatten hier von der SAGA einen ehemaligen Laden oder etwas in der Art kostenlos zu Verfügung gestellt bekommen und hatten einen Club draus gemacht. Alles machte einen sehr entspannten Eindruck. Das alles verlangsamende heiß-schwüle Wetter tat sein Übriges.
Vor der Tür stand schon ein komplettes Wohnzimmer, zusammentragen bei diversen Sperrmüllsammlungen. Der schwache Wind wehte ein wenig Staub auf die hellen Sitzpolster. ? Da brauchen wir ja gar nichts mehr mitbringen?, meinte ich. ?Ne, ist eigentlich ist alles da. Wir haben dann auch eine Leinwand hier drinnen am Samstag.? ? ?Wie bitte?!?
Im hinteren Teil des Raums stand ein Kickertisch, seitlich eine Bar und aus der kleinen Kompaktanlage erklang zeitgenössische Rockmusik. Liegestühle und diverse Kleinigkeiten gaben dem Laden einen alternativ-verträumten Anstrich. `Die brauchen uns hier gar nicht!`, dachte ich noch, aber was soll`s. Keine Diskussion jetzt, wir stehen vor der letzten Station. Und außerdem freute ich mich drauf, hier wirkte alles sehr nett.
8. Juli
?Veddel ist eine Insel?, sagt Martin, der den Laden mit anderen zusammen betreut. In der Tat erscheint Veddel wie ein klitzekleines Eiland zwischen Freihafen, weitverzweigten Schienennetz und der Autobahn. Sozusagen das Bikini-Atoll der Hansestadt. In den nächsten Jahren soll der Stadtteil noch attraktiver gestaltet werden für Künstler und Studenten und irgendwann einmal den Szeneverbund Schanze-Kiez-Eimsbüttel vergrößern. ?Das wird nie gelingen?, sagt Martin. Er ist einer von ca. 300 Studenten, die es hier nach Veddel verschlagen hat. Und das ganz bewusst. Die Mieten sind billiger, sie können hier einen Club organisieren und das mietfrei. Undenkbar am Schulterblatt beispielsweise. Warum auch nicht, die S-Bahn-Station ist gleich in der Nähe. Im Prinzip besteht Veddel nur aus ein paar Straßen, die eingerahmt werden von roten vierstöckigen Klinkerbauten. Ansonsten entdeckt man noch den unvermeidlichen Dönerladen und einen kleinen Supermarkt. Reicht ja auch.
19:00
?Wieso hat denn keiner gesagt, dass ihr auch eine Bar macht? Wir haben jetzt gut eingekauft.?, meint der Schatzmeister des Café Unmut. Irgendwas war da falsch angekommen. Wir entschieden uns schließlich für zwei parallele Bars, eine drinnen, eine draußen. Zehn Minuten hing ein Schild am Café. ?Hier gibt es die richtig kalten Getränke.? Daneben ein Pfeil, der ins Innere führte. Wir standen draußen unter dem Coca-Cola-Schirm an unserer Bar, die lediglich aus einem (zumeist defekten) Kühlschrank bestand und mussten zugeben, dieses Schild war nicht übertrieben. Ein wenig grimmig beäugten wir die Abtrünnigen, die sich in der inneren Bar ihr Getränk kauften und sich dann draußen in unsere Möbel setzten. Verrat!
In der Zwischenzeit hatte ein Türke, der offenbar schon vor sehr langer Zeit auf die Welt gekommen war, sein Bier neben mir abgestellt und fing an zu schimpfen. Er könne nicht verstehen, dass wir (!) in der 118. Minute gegen Italien geschlafen hatten. Das wir dieses Spiel noch aus der Hand gegeben hatte. Er war richtig sauer auf uns. Also nicht nur auf Ballack und Co., sondern auf uns, auf uns Deutsche. Wir wurden von ihm in Kollektivhaft genommen. Ich zuckte mit den Schultern und entschuldigte mich. Ja, da hatte ich wohl geschlafen, aber immerhin hatte ich schon 2 Stunden Tempofußball in den Knochen. Ich rief noch zum Micha: "Greif an!" aber es war zu spät. Ich selbst kam nicht mehr hin. Das Spiel war ja in Dortmund und ich saß in Hamburg-Nord. Da kam einiges an Pech zusammen. Keine weiteren Diskussionen jetzt. Das führte zu nichts. Der alte Mann zog fluchend von dannen. "Ihr nicht haben verdient Finale!" Ja, ja. Ich konzentrierte mich lieber darauf, wer hier weiterhin in unseren Möbeln das Bier von drinnen trank.
Innen lief das Spiel auf einer Leinwand, draußen unsere Fernseher. Innen stand ein Wohnzimmer, unseres stand draußen. Unsere Idee war schon lange vor uns hier angekommen und wir fühlten uns zunächst ein wenig überflüssig. Das legte sich allerdings bald durch die ungezwungene Stimmung, die jegliches Konkurrenzdenken im Keime ersticken ließ.
21:00
Anstoß
Die Aufstellung der Deutschen ließ nichts Gutes erhoffen. Mertesacker, Ballack, Borowski verletzt. Schön, dass Oli Kahn noch mal rein durfte. Die erste Halbzeit verlief ein wenig schleppend, in der zweiten schlug dann Schweinsteiger zu. Ich verpasste alle drei Tore. Beim ersten bestellte ich gerade ein paar Pommes beim Döner gegenüber. Beim zweiten versuchte ich unseren weißen yahoo-Ball einer Horde Kids zu entreißen, die damit über alle Berge wollten. Und beim Dritten war ich ganz profan auf dem Klo. Ich verpasste übrigens auch noch das portugiesische Tor, aber das machte nichts an diesem Abend. Der Druck war lange weg gewesen. Wir freuten uns natürlich über den Sieg. Dritter Platz ist ja nicht schlecht, aber so ein WM-Titel, das wär`s schon gewesen. Nun ja, morgen war ja noch Finale, das hatte ich fast vergessen und wir würden noch mal wiederkommen, hier nach Veddel, auf die Wohnzimmer-Insel.
2006.06.24, 11:45
by peter folk
about: tagebuch
Münzburg, St. Georg, 18. Juni 2006 "Ah super, da komme ich auch gleich mal runter."
Gruppe F
Japan - Kroatien 0:0
Brasilien - Australien 2:0 (0:0)
Gruppe G
Frankreich - Südkorea 1:1 (1:0)

Wir brauchten Urlaub. Irgendetwas entspannendes. Und, hier waren wir genau richtig!
Ein von außen unscheinbarer, von innen überwältigender, schattiger Innenhof präsentierte sich uns an diesem Sonntagnachmittag. Draußen waren es geschätzte 40 Grad. Hier drinnen befanden wir uns in einer klimatisierten, lautstärkegedämmten Burg, die mir das Gefühl gab, in einem Museum zu sein. Diese angenehme Stille, die automatisch unsere Stimmen dämmte. Irgendwo in der Ferne gab es Dinge wie Straßenverkehr, vorbeifahrende Züge, nervige Halbwüchsige oder Windeln auf dem Trittoir.
Die roten Klinkerwände nahmen unaudfringlich für sich ein. Die Außenwelt war nur noch durch den nebligen Schleier des Halbschlafs wahrzunehmen. Kurz: genau der richtige Ort für einen lazy sunday afternoon.
In Zeitlupentempo bauten wir unser Wohnzimmer auf, nichts konnte uns stressen. Jeder Handgriff passierte irgendwie mit Anlauf. Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: hier in der Münzburg hatte ich das Gefühl, unter Wasser zu sein, ein zäher Soundtrack von draußen, die Bewegungen schwerelos. Vielleicht hatte ich auch nur zu lange gefeiert. Ich weiß es nicht mehr.
Als unser Set zu zwei Dritteln stand, bekamen wir Besuch. Hamburg1 war mal wieder im Haus. Mir war nicht wohl dabei. Schließlich waren wir noch unter uns, so um die vier Leute und sollten zum x-ten Male Begeisterung und Torjubel faken. Warum braucht es eigentlich auf jedem Foto, in jedem Film, der irgendwas mit Fußball zu tun hat, in TV-Reportagen, News oder Werbung immer diese unsäglichen Jubelposen und dieses Tooor!-Geschreie? Ich glaube, die Telekom hatte in ihren Spots damit angefangen. Jetzt will das jeder sehen. Müde und gelangweilt rissen wir die Arme hoch, der Fokus verkleinert, wir zusammengerückt, damit das hier nach "viel" aussah. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, dass es heute so bleiben würde. Ich hatte mich getäuscht.
15 Uhr
Kroatien - Japan
Dieses Spiel schauten wir noch größtenteils allein. Nicolas Schröder von ProQuartier kam zu Besuch mit seinen Zwillingskindern, die während des gesamten Spiels in ihrem Kinderwagen friedlich schliefen. Ich hätte gerne mit ihnen getauscht, denn dieses Spiel ließ meinen Halbschlaf zum Tiefschlaf werden. Die beiden merkten übrigens nicht, dass auch sie vor die Hamburg1-Kamera geschoben wurden, um ins Fernsehen zu kommen. Sie nahmen diese Tatsache gleichgültig auf.
15:30
Jetzt kam auch noch Thorsten Schaar, der Chefredakteur der 11Freunde vorbei. Ausgerechnet heute, wo uns wohl keiner finden und beehren würde, gab sich die Presse die Klinke in die Hand. Wir führten erst einmal ein nettes Interview. Hoffentlich glaubte er, dass es nicht immer so leer war.
15:45
Halbzeit. Nichts passiert. Langweilig. Ein paar brasilianische Fans tauchten auf. Sie warteten aufs nächste Spiel ab 18 Uhr. Ich bekam Hoffnung.
16:00
Die zweite Halbzeit begann. Endlich der erste Anwohner. Er hatte sein Fahrrad mitgebracht und flickte einen Fahrradschlauch, während er ab und zu mal aufschaute. Als alles wieder heile war, interessierte ihn das Spiel auch nicht mehr und er ging wieder. Hamburg1 und 11Freunde waren immer noch da. Schade dachte ich, gerade heute.
16:45
Endlich, das Spiel ist vorbei. 0:0: zu wenig für beide.
Eine nette Nachbarin setzte sich noch zu uns. Im Erdgeschoss öffnete sich ein Fenster. Ich fürchtete die ersten Beschwerden, aber eine ältere Frau wollte nur wissen, wann Brasilien spielen würde.
17:15
Jetzt waren wir schon zu zehnt, unmerklich hatte sich das Stadion gefüllt.
17:30
Fast alle Plätze besetzt. Wo kamen die alle plötzlich her?
17:45
Jetzt strömte es von allen Seiten. Eine junge Brasilianerin hatte sich den letzten Sessel geschnappt. Was tun? Zum ersten Mal überstieg der Andrang unsere Kapazitäten. Es nahm kein Ende. Als hätten alle nur auf dieses Spiel Brasilien - Australien genau an diesem Ort gewartet. Zum Glück befand sich im Keller der Münzburg unser Lager, in dem noch ca. 100 weiße Plastikkisten standen, aus denen wir in Minutenschenlle kleine Tribünen bauen konnten. Jetzt also doch Stress und Schwitzen.

18:00
Anstoß Brasilien - Australien
Fast 50 Leute hatten sich jetzt versammelt. Selbst von außen waren sie gekommen, hatten sich bis hier durchgeschlagen. Ich schaute mich um. Zum Glück war Thorsten Schaar von den 11Freunden noch da und machte eifrig Fotos. Er sagte später zu mir, dass ihm dies hier eindrucksvoll vor Augen geführt habe, was denn der Sinn der Wohnzimmer WM sei. Und er hatte recht. In bisher noch nicht erlebter Form war hier unser Konzept aufgegangen. Sicherlich die Hälfte aller Bewohner des Innehofs hatte hier zusammengefunden, dicht gedrängt auf den Möbeln und den improvisierten Traversen und diskutierte in den Pausen über Fußball oder Nachbarschaftsthemen. Ein Mitarbeiter des angrenzenden Kubasta, das uns das hier ermöglicht hatte, brachte Knabberzeug, das wir mal wieder vergessen hatten. Alles war gut. Zu gut?
18:45
Die Brasilianer wieder mit einer schwachen Vorstellung. Ronaldo etwas verbessert, aber immer noch ohne Wirkung. Die Australier hielten gut dagegen. Ich wünschte mir ja so ihren Sieg und war damit nicht allein. Sie konzentrierten sich allerdings zu sehr auf die eigene Defensive, ohne selbst für Gefahr nach vorne zu sorgen.
19:05
Es kam wie es kommen musste. Gute Kombination zwischen Ronaldinho, Ronaldo und Adriano, der schließlich mit einem trockenen Linksschuss vollendete.
Der Favorit in Führung. Nur die Brasilianerin im Sessel ganz vorne jubelte, sonst war es still. Die Sympathien waren hier ganz eindeutig verteilt.
19:10
Die Führung gab den Brasilianern keinerlei Sicherheit. im Gegenteil: die Australier hatten die Riesenchancen.
Kewell steht nach Dida-Fehler allein vor dem Tor und semmelt drüber. Ein Aufschrei des Entsetzens füllt die Burg.
19:45
Australien hatte alles gegeben und vor allem vergeben. Kurz vor Schluss kam der in der Wahl seines Künstlernamens etwas unglückliche Fred bei den Brasilianern aufs Feld, um das Spiel in der 90. Minute zu entscheiden. Schade aber auch.
In etwas gedrückter Stimmung löste sich unsere Traube auf. Die erhoffte Überraschung war ausgeblieben. Auch Thorsten verabschiedete sich. Er würde einen netten Artikel schreiben. Und Hamburg1? Ach ja, die hatte ich ganz vergessen. Sie hatten sich schon vor dem Ansturm verabschiedet. Wahrscheinlich hat sich da ein schiefes Bild ergeben. Kann man nichts machen.
21:00
Anstoß Frankreich - Südkorea
Das Wohnzimmer immer noch gut gefüllt. Das Spiel ist nur unterhaltend in dem Sinne, dass es dazu einlädt, sich eher mit dem Nebenmann bzw. mit der Nebenfrau zu beschäftigen, als mit dem Spiel. Die Franzosen spielen ein akzeptable erste Hälfte, führen 1:0, fallen dann aber ab und bekommen verdient den Ausgleich. Jetzt droht wieder das Aus wie 2002. Wenigstens haben sie mal ein Tor geschossen. Kleiner Vorteil im nächsten Spiel: Zidane ist gelbgesperrt. Nichts gegen die Lebensleistung dieses Ausnahmespielers, aber die Ausrichtung auf ihn macht das französische Spiel pomadisch und unflexibel, irgendwie ausrechenbar. Die Mannschaft wirkt satt, ein Umbruch nach den großen Erfolgen hat nicht stattgefunden. Ein großer Fehler. Frankreich braucht junge, motivierte Leute. Die schmoren vermutlich zu Hause vor dem Fernseher. Dieses Ensemble hier hat seinen Zenit überschritten.
Wir allerdings haben ihn hier in St. Goerg erreicht. Nächste Woche in Kirchdorf-Süd weht sicherlich wieder ein anderer Wind. Warten wir es ab.
Bis zum nächsten Mal,
Peter Schütz
Japan - Kroatien 0:0
Brasilien - Australien 2:0 (0:0)
Gruppe G
Frankreich - Südkorea 1:1 (1:0)

Wir brauchten Urlaub. Irgendetwas entspannendes. Und, hier waren wir genau richtig!
Ein von außen unscheinbarer, von innen überwältigender, schattiger Innenhof präsentierte sich uns an diesem Sonntagnachmittag. Draußen waren es geschätzte 40 Grad. Hier drinnen befanden wir uns in einer klimatisierten, lautstärkegedämmten Burg, die mir das Gefühl gab, in einem Museum zu sein. Diese angenehme Stille, die automatisch unsere Stimmen dämmte. Irgendwo in der Ferne gab es Dinge wie Straßenverkehr, vorbeifahrende Züge, nervige Halbwüchsige oder Windeln auf dem Trittoir.
Die roten Klinkerwände nahmen unaudfringlich für sich ein. Die Außenwelt war nur noch durch den nebligen Schleier des Halbschlafs wahrzunehmen. Kurz: genau der richtige Ort für einen lazy sunday afternoon.
In Zeitlupentempo bauten wir unser Wohnzimmer auf, nichts konnte uns stressen. Jeder Handgriff passierte irgendwie mit Anlauf. Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: hier in der Münzburg hatte ich das Gefühl, unter Wasser zu sein, ein zäher Soundtrack von draußen, die Bewegungen schwerelos. Vielleicht hatte ich auch nur zu lange gefeiert. Ich weiß es nicht mehr.
Als unser Set zu zwei Dritteln stand, bekamen wir Besuch. Hamburg1 war mal wieder im Haus. Mir war nicht wohl dabei. Schließlich waren wir noch unter uns, so um die vier Leute und sollten zum x-ten Male Begeisterung und Torjubel faken. Warum braucht es eigentlich auf jedem Foto, in jedem Film, der irgendwas mit Fußball zu tun hat, in TV-Reportagen, News oder Werbung immer diese unsäglichen Jubelposen und dieses Tooor!-Geschreie? Ich glaube, die Telekom hatte in ihren Spots damit angefangen. Jetzt will das jeder sehen. Müde und gelangweilt rissen wir die Arme hoch, der Fokus verkleinert, wir zusammengerückt, damit das hier nach "viel" aussah. Zu diesem Zeitpunkt glaubte ich, dass es heute so bleiben würde. Ich hatte mich getäuscht.
15 Uhr
Kroatien - Japan
Dieses Spiel schauten wir noch größtenteils allein. Nicolas Schröder von ProQuartier kam zu Besuch mit seinen Zwillingskindern, die während des gesamten Spiels in ihrem Kinderwagen friedlich schliefen. Ich hätte gerne mit ihnen getauscht, denn dieses Spiel ließ meinen Halbschlaf zum Tiefschlaf werden. Die beiden merkten übrigens nicht, dass auch sie vor die Hamburg1-Kamera geschoben wurden, um ins Fernsehen zu kommen. Sie nahmen diese Tatsache gleichgültig auf.
15:30
Jetzt kam auch noch Thorsten Schaar, der Chefredakteur der 11Freunde vorbei. Ausgerechnet heute, wo uns wohl keiner finden und beehren würde, gab sich die Presse die Klinke in die Hand. Wir führten erst einmal ein nettes Interview. Hoffentlich glaubte er, dass es nicht immer so leer war.
15:45
Halbzeit. Nichts passiert. Langweilig. Ein paar brasilianische Fans tauchten auf. Sie warteten aufs nächste Spiel ab 18 Uhr. Ich bekam Hoffnung.
16:00
Die zweite Halbzeit begann. Endlich der erste Anwohner. Er hatte sein Fahrrad mitgebracht und flickte einen Fahrradschlauch, während er ab und zu mal aufschaute. Als alles wieder heile war, interessierte ihn das Spiel auch nicht mehr und er ging wieder. Hamburg1 und 11Freunde waren immer noch da. Schade dachte ich, gerade heute.
16:45
Endlich, das Spiel ist vorbei. 0:0: zu wenig für beide.
Eine nette Nachbarin setzte sich noch zu uns. Im Erdgeschoss öffnete sich ein Fenster. Ich fürchtete die ersten Beschwerden, aber eine ältere Frau wollte nur wissen, wann Brasilien spielen würde.
17:15
Jetzt waren wir schon zu zehnt, unmerklich hatte sich das Stadion gefüllt.
17:30
Fast alle Plätze besetzt. Wo kamen die alle plötzlich her?
17:45
Jetzt strömte es von allen Seiten. Eine junge Brasilianerin hatte sich den letzten Sessel geschnappt. Was tun? Zum ersten Mal überstieg der Andrang unsere Kapazitäten. Es nahm kein Ende. Als hätten alle nur auf dieses Spiel Brasilien - Australien genau an diesem Ort gewartet. Zum Glück befand sich im Keller der Münzburg unser Lager, in dem noch ca. 100 weiße Plastikkisten standen, aus denen wir in Minutenschenlle kleine Tribünen bauen konnten. Jetzt also doch Stress und Schwitzen.

18:00
Anstoß Brasilien - Australien
Fast 50 Leute hatten sich jetzt versammelt. Selbst von außen waren sie gekommen, hatten sich bis hier durchgeschlagen. Ich schaute mich um. Zum Glück war Thorsten Schaar von den 11Freunden noch da und machte eifrig Fotos. Er sagte später zu mir, dass ihm dies hier eindrucksvoll vor Augen geführt habe, was denn der Sinn der Wohnzimmer WM sei. Und er hatte recht. In bisher noch nicht erlebter Form war hier unser Konzept aufgegangen. Sicherlich die Hälfte aller Bewohner des Innehofs hatte hier zusammengefunden, dicht gedrängt auf den Möbeln und den improvisierten Traversen und diskutierte in den Pausen über Fußball oder Nachbarschaftsthemen. Ein Mitarbeiter des angrenzenden Kubasta, das uns das hier ermöglicht hatte, brachte Knabberzeug, das wir mal wieder vergessen hatten. Alles war gut. Zu gut?
18:45
Die Brasilianer wieder mit einer schwachen Vorstellung. Ronaldo etwas verbessert, aber immer noch ohne Wirkung. Die Australier hielten gut dagegen. Ich wünschte mir ja so ihren Sieg und war damit nicht allein. Sie konzentrierten sich allerdings zu sehr auf die eigene Defensive, ohne selbst für Gefahr nach vorne zu sorgen.
19:05
Es kam wie es kommen musste. Gute Kombination zwischen Ronaldinho, Ronaldo und Adriano, der schließlich mit einem trockenen Linksschuss vollendete.
Der Favorit in Führung. Nur die Brasilianerin im Sessel ganz vorne jubelte, sonst war es still. Die Sympathien waren hier ganz eindeutig verteilt.
19:10
Die Führung gab den Brasilianern keinerlei Sicherheit. im Gegenteil: die Australier hatten die Riesenchancen.
Kewell steht nach Dida-Fehler allein vor dem Tor und semmelt drüber. Ein Aufschrei des Entsetzens füllt die Burg.
19:45
Australien hatte alles gegeben und vor allem vergeben. Kurz vor Schluss kam der in der Wahl seines Künstlernamens etwas unglückliche Fred bei den Brasilianern aufs Feld, um das Spiel in der 90. Minute zu entscheiden. Schade aber auch.
In etwas gedrückter Stimmung löste sich unsere Traube auf. Die erhoffte Überraschung war ausgeblieben. Auch Thorsten verabschiedete sich. Er würde einen netten Artikel schreiben. Und Hamburg1? Ach ja, die hatte ich ganz vergessen. Sie hatten sich schon vor dem Ansturm verabschiedet. Wahrscheinlich hat sich da ein schiefes Bild ergeben. Kann man nichts machen.
21:00
Anstoß Frankreich - Südkorea
Das Wohnzimmer immer noch gut gefüllt. Das Spiel ist nur unterhaltend in dem Sinne, dass es dazu einlädt, sich eher mit dem Nebenmann bzw. mit der Nebenfrau zu beschäftigen, als mit dem Spiel. Die Franzosen spielen ein akzeptable erste Hälfte, führen 1:0, fallen dann aber ab und bekommen verdient den Ausgleich. Jetzt droht wieder das Aus wie 2002. Wenigstens haben sie mal ein Tor geschossen. Kleiner Vorteil im nächsten Spiel: Zidane ist gelbgesperrt. Nichts gegen die Lebensleistung dieses Ausnahmespielers, aber die Ausrichtung auf ihn macht das französische Spiel pomadisch und unflexibel, irgendwie ausrechenbar. Die Mannschaft wirkt satt, ein Umbruch nach den großen Erfolgen hat nicht stattgefunden. Ein großer Fehler. Frankreich braucht junge, motivierte Leute. Die schmoren vermutlich zu Hause vor dem Fernseher. Dieses Ensemble hier hat seinen Zenit überschritten.
Wir allerdings haben ihn hier in St. Goerg erreicht. Nächste Woche in Kirchdorf-Süd weht sicherlich wieder ein anderer Wind. Warten wir es ab.
Bis zum nächsten Mal,
Peter Schütz
2006.06.23, 19:45
by peter folk
about: tagebuch
Lokstedt, Lenzsiedlung, 17. Juni 2006 "Wir sind hier nicht beim Basketball."
Gruppe D:
Portugal - Iran 2:0 (0:0)
Mexiko - Angola 0:0
Gruppe E:
Italien - USA 1:1 (1:1)
Nach den Erlebnissen des Vortages war der erneute Weg nach Lokstedt von einem flauen Gefühl im Magen begleitet. Ich fühlte mich allerdings heute besser vorbereitet, sowohl psychisch als auch verbal. Ich hatte eine Ansprache im Kopf, sollten die Dinge sich wieder so entwickeln wie gestern. Der erste Kontrollblick gen Himmel brachte Beruhigung. Er war zwar etwas bewölkt, aber er strahlte eine gewisse Ruhe aus, die mich nicht an Regen denken ließ. Der Lenzweg schlängelte sich menschenleer an den Hochhäusern entlang. Von unseren neuen Freunden noch keine Spur. `Das wird sich noch ändern´, dachte ich mir. Nachdem wir nun etwas positiver durch Lokstedt liefen, entschieden wir uns diesmal für einen etwas anderen Ort für unser Wohnzimmer. Ein gepflasterter Innenhof wurde dem noch nassen Rasen vorgezogen. Bei der Ortsbegehung klatschte es zweimal neben uns auf die Steine. Griffen die kleinen Biester jetzt auf Wasserbomben zurück? Ich als gelerntes Neubaukind hatte so etwas ja auch ganz gerne mal aus dem 10.Stock geworfen. Nein ganz anders, zwei kleine weiße Bündel hatten den Weg zu uns gefunden. Zwei vollgesch... Babywindeln. Wir hatten ja schon von dem Grücht gehört, dass dies innerhalb von Hochhaussiedlungen nicht unnormal sein soll, aber ich dachte immer, das wäre ausgedacht. Falsch gedacht.
Als wir die Pförtnerloge betraten, drehten wir erst mal wieder um. Unser Teppich schien über Nacht lebending worden zu sein und versprühte jetzt seinen ganz eigenen Nachtschweiß. Wir zogen ihn heraus, öffneten alle Fenster und die Sache beruhigte sich schnell.
Unser neuer Ort erwies sich als Volltreffer. Viel mehr Leute kamen hier vorbei, freuten sich und kündigten für später ihr Kommen an. Auch waren jetzt 5, 6 Freunde eingetroffen. Zusammen ergaben wir sicher einen erhöhten Respektlevel. Die Vorgänge von gestern würden sich nicht wiederholen.
15:00
Schon in diesem Spiel sollte sich erweisen, dass wir heute einen ruhigen Nachmittag erleben sollten. Auch ein paar Leute hatten sich zu uns gesellt, unter ihnen zwei Kinder, die gestern auch im Pulk waren, aber sich etwas abseits davon gehalten hatten. Das Spiel riss uns nicht von den Sitzen, wir spielten selbst ein wenig Fußball. Dabei nahmen wir zunächst die Position von Fairplay-Missionaren ein. Ich spielte mit Thomas zu zweit gegen vier, fünf andere Kinder, das wechselte ständig. Während wir uns die Bälle hin-und herspielten, hatte sich bei den Jungs noch nicht herumgesprochen, dass es sich bei Fußball um einen Mannschaftssport handelt. Sobald einer von ihnen den Ball hatte, rannte er vor den anderen davon, zumeist mit dem Ball in der Hand, wurde dann irgendwie in eine Ecke gedrängt und traktiert mit Fußtritten und Würgegriffen. !Gib den Ball her!". Wir versuchten ihnen immer wieder klar zu machen, dass sie doch ein Team wären, aber das half alles nichts. Als dann auch noch die große Schwester eines Jungen mitspielte und mit ihren Fäusten durchgriff, hatten wir genug. Ich sah nur noch schreiende Zahnlückenmünder, Zeit für Fußball-WM. Der Ball wurde ins Auto geschlossen.
15:45
Die erste Halbzeit kann man getrost vergessen. Sie ist einzig und allein für Statistiker interessant. Die Portugiesen bestimmten das Spiel, die Iraner standen nur in der eigenen Hälfte, machten die "Räume eng", wie man so sagt und ihre Angriffe endeten stets mit einem Fehlpass.
16:00
Die zweite Halbzeit beginnt. Mittlweile ist auch Norman zu uns gekommen. Norman ist 17 und nimmt für uns ein wenig die Funktion des Aufpassers ein. Er achtet auf die Bar und die Pförtnerloge. Wir können uns wieder auf das Spiel konzentrieren. Aber es ist so langweilig!
16:19
Die Portugiesen bestimmen das Geschehen, allerdings wirkt alles nicht mehr so zwingend wie in den ersten 45 Minuten. Endlich fasst sich Figo in der 63. ein Herz, wagt einen Alleingang, Pass zu Deco, der zieht ab: 1:0. Ein Traumtor. Endlich mal.
In der letzten halben Stunde passiert nicht mehr viel. Die Portugiesen geben das Geschehen etwas aus der Hand, die Iraner haben ein paar halbe Chancen und in der 80. fällt die Entscheidung. Der selbstverliebte Christiano Ronaldo trifft zum 2:0. Es hätten ein paar Tore mehr fallen können, würde er nicht immer so eigensinnig spielen. Vielleicht hat er das Fußballspielen in Lokstedt gelernt, denke ich mir.
16:45
Das erste Spiel des Tages ist vorbei. Ich lehne mich gelangweilt zurück und sehe neben der Loge wieder die Terrorkids von gestern. Sie schauen nur kurz ums Eck und sind gleich wieder verschwunden. Einer von ihnen gesellt sich zu uns, ich erkenne ihn an seiner weißen Jacke wieder. Ich gehe zu ihm, um ihm mitzuteilen, dass da noch eine kleine Getränkerechnung von gestern offen ist. Völlig entgeistert schaut er mich an. Bringt uns das Geld und die Sache ist vergessen. "Wenn ihr ein wenig Ehre im Leib habt, bringt ihr uns das Geld", gebe ich ihm noch mit auf den Weg. Was für eine street creditibility-Floskel! Ich bin mir selbst etwas peinlich. Aber die Ansage scheint gesessen zu haben. Schnell kommen drei 14, 15-jährige Mädchen zu uns (die anstrengendsten gestern) und beteuern ihre Unschuld. Sie wissen, wer uns beklaut hat, wollen die Namen aber nicht nennen. Insgeheim finde ich das gut, das zeigt Haltung. Ich teile ihnen noch einmal unsere Genervtheit von gestern mit und führe ihnen ihre blöden Aktionen vor Augen. Sie sind einsichtig und entschuldigen sich und machen sich auf die Suche nach den bösen Jungs, nach den Anderen, die es dann immer gewesen sind. Von diesem Moment an gibt es keinerlei Probleme mehr mit ihnen, im Gegenteil wir verstehen uns fortan sehr gut. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch keiner wissen, dass sich schon die nächste Kindergang auf ihren Auftritt vorbereitete.
18:00
Anstoß Italien - USA
Zwischen den Spielen waren wir ein wenig spazieren und da Bewegung hungrig macht, hatten wir die Idee, den Grill noch einmal anzuwerfen. Es lagen noch vier pikante Pfeffersteaks neben der Couch, also rauf auf den Ofen. Schon als ich den Spiritus auf der Holzkohle ausgoss, war ich umzingelt von unzähligen 8jährigen Jungen, die für eine Attraktion namens Feuer den silbernen Fußball liegen ließen, den ich inzwischen wieder aus dem Transporter geholt hatte. Na gut, es waren vielleicht vier oder fünf Knirpse, aber die können einen Betrieb machen, dass man sich einer ganzen Armee gegenüber sieht. Der Fußball war am Ende eines langen Tages übrigens verschwunden. Vermutlich hatte er sich hier im preisgekrönten Wohngebiet eine Wohnung gesucht.
Noch hatte ich das Streichholz nicht an die Kohlen gehalten, da begannen schon alle zu pusten. Eine Stichflamme ließ zunächst alle zurück schrecken, um sie Sekunden später erst recht wieder anzuziehen.
Italien hatte übrigens gerade das 1:0 erzielt. Ich bekam hier nichts mehr mit, außer dass jetzt doch alle Plätze ausgefüllt waren. Einige Anwohner hatten sich Decken mitgebracht und es sich gemütlich gemacht. Sie hatten sich sozusagen eingemümmelt.
Jetzt Pusten von allen Seiten, das Feuer schlug nach oben aus. "Können wir auch was essen? Ist da noch was übrig?" Wir mit unseren knurrenden Mägen fühlten uns alsbald als schlechte Menschen. Wir würden jetzt gleich den armen Kindern was voressen. Da wußte ich noch nicht, dass in wenigen Minuten mein Mitleid in seine Grenzen verwiesen werden würde.

Die Amerikaner machten ziemlichen Wind und waren gegenüber dem Spiel gegen Tschechien nicht wiederzuerkennen. Italien war mächtig in die eigene Hälfte gedrängt und konzentrierte sich aufs verteidigen.
18:27 Trotz des guten Forcheckings der Amis war Italien in der 22. Minute in Führung gegangen, doch jetzt der Doppelschock: erst das 1:1 nach einem Eigentor von Zaccardo und nun der Ellbogencheck von de Rossi gegen McBride. Brutales Foul! Zu Recht Rot. Franz Beckenbauer sollte später irgendwas faseln von "Wir spielen hier nicht Basketball, sondern Fußball." Aber was hat das damit zu tun. Augen auf, Herr Kaiser! Das war Körperverletzung.
Die musste ich im übrigen auch mehrmals am Grill verhindern. Irgendwie war die Spiritusflasche in die Kinderhände geraten. Ich grätschte dazwischen und verinderte das Schlimmste.
Wir aßen bald darauf unsere Pfeffersteaks, eins war auch für die Bengels übrig geblieben. Sie hatten jetzt vollständig die Kontrolle über den Grill übernommen.
Ich setzte mich entspannt zur zweiten Halbzeit auf die Couch. Auch die Amerikaner hatten sich eine Rote abgeholt. Während ich auf die Zeitlupe schaute und dem Schiedsrichter beipflichten musste, hörte mein Unterbewußtsein von irgendwoher die Vokabel "auspinkeln". Ich nahm davon vorerst keine Notiz. Die Amis waren jetzt am Drücker, nutzten die taktische Verwirrung in der italienischen Mannschaft und spielten sich eine Chance nach der anderen heraus.
Als gerade Italiens Torhüter Buffon quer in der Luft lag, sah ich aus dem Augenwinkel zwei Jungen mit herunter gelassener Hose am Grill stehen. Jetzt begannen meine Synapsen zu rotieren. Eine Kombinationskette bestehend aus Grill brennt-Fleisch ist alle- Feuer ausmachen setzte sich in Gang. Und jetzt schoss es mir in den Sinn: "auspinkeln". Die Jungen wollten den Grill auspinkeln. In Sekundenschnelle erinnerte ich mich an einen Sommertag, es muss in meinem 17. Lebensjahr gewesen sein. Wir feierten ein Party, irgendwo auf dem Land mit Übernachtung in einer Scheune. Ziemlich betrunken standen wir zu viert am Grill in eben jener Pose wie diese Jungs dort und liesen es auf die noch glühende Holzkohle rieseln. Natürlich stand ich genau auf der Seite, auf der der Rauch nach oben schoss. Diese Tatsache war übrigens typisch für diesen Abschnitt meines Lebens. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ein unglaublicher Gestank legte sich auf mich, auf meine Sachen, in meine Haare. Ich habe ihn geschätzte drei Tage nicht mehr losbekommen. Vielleicht hatte er sich nur in meinen Nasenhaaren verfangen,ich weiß es nicht.
In diesem Moment war mir nur eines klar, das wollte ich nie wieder erleben und schon gar nicht hier in unserem WM-Wohnzimmer. Wie dieser Buffon sprang ich auf, schreie Nein! und rette damit den Grill. Die Hosen flutschen nach oben. Das war knapp. Ich wußte in diesem Moment, welcher Kelch an unser vorübergezogen war. Ich habe es erlebt!
Die Kids sind kaum geschockt. Sie legen jetzt großflächige Pappestückchen auf das Feuer. Das stinkt ähnlich schlimm. Auch die Rauchentwicklung ist in etwa das gleiche Kaliber. Ich setze mich zurück aufs Sofa und beobachte den nächsten USA-Angriff. Mittlerweile sind sie nur noch zu neunt, können das allerdings gut kompensieren. Wir sehen das aufregendste Spiel des Tages, nicht nur auf dem Platz, auch auf den Rängen der Wohnzimmer WM. Plötzlich höre ich einen Schrei, der fast etwas unmenschliches an sich zu haben scheint. Er kommt aus Richtung des Grills. Dort steht jetzt Till mit rotem Kopf und aufgerissenem Mund. Ich realisiere sofort: hier bahnen sich all der Frust und all die Anstrengung, die zwei Tage hinter Schloss und Riegel verbringen mussten, ihren Weg nach draußen. "Schluss jetzt!" oder "Haut ab! schallt es durch die Häuser. "Haut endlich ab!", "Weg!" , "Ihr geht mir so af die Eier!!" Die Jungs suchen sofort das Weite. Selbst ich bekomme es mit der Angst zu tun. ..
Aber dann ist Ruhe, wundersame Ruhe. Was doch so ein Gewitter manchmal für eine reinigende Wirkung hinterlässt.
Italien und USA trennen sich 1:1. Für uns war es hier auch irgendwie ein Unentschieden. Auf jeden Fall die aufregendste Station auf unserer Reise bisher. Letztendlich doch noch ein schönes Wochenende. Wir haben auch viele nette Leute getroffen, aber wie es immer so ist: die Dinge, die schief laufen sind ein bisschen interessanter.
Bis zum nächsten Mal,
Peter Schütz
Portugal - Iran 2:0 (0:0)
Mexiko - Angola 0:0
Gruppe E:
Italien - USA 1:1 (1:1)
Nach den Erlebnissen des Vortages war der erneute Weg nach Lokstedt von einem flauen Gefühl im Magen begleitet. Ich fühlte mich allerdings heute besser vorbereitet, sowohl psychisch als auch verbal. Ich hatte eine Ansprache im Kopf, sollten die Dinge sich wieder so entwickeln wie gestern. Der erste Kontrollblick gen Himmel brachte Beruhigung. Er war zwar etwas bewölkt, aber er strahlte eine gewisse Ruhe aus, die mich nicht an Regen denken ließ. Der Lenzweg schlängelte sich menschenleer an den Hochhäusern entlang. Von unseren neuen Freunden noch keine Spur. `Das wird sich noch ändern´, dachte ich mir. Nachdem wir nun etwas positiver durch Lokstedt liefen, entschieden wir uns diesmal für einen etwas anderen Ort für unser Wohnzimmer. Ein gepflasterter Innenhof wurde dem noch nassen Rasen vorgezogen. Bei der Ortsbegehung klatschte es zweimal neben uns auf die Steine. Griffen die kleinen Biester jetzt auf Wasserbomben zurück? Ich als gelerntes Neubaukind hatte so etwas ja auch ganz gerne mal aus dem 10.Stock geworfen. Nein ganz anders, zwei kleine weiße Bündel hatten den Weg zu uns gefunden. Zwei vollgesch... Babywindeln. Wir hatten ja schon von dem Grücht gehört, dass dies innerhalb von Hochhaussiedlungen nicht unnormal sein soll, aber ich dachte immer, das wäre ausgedacht. Falsch gedacht.
Als wir die Pförtnerloge betraten, drehten wir erst mal wieder um. Unser Teppich schien über Nacht lebending worden zu sein und versprühte jetzt seinen ganz eigenen Nachtschweiß. Wir zogen ihn heraus, öffneten alle Fenster und die Sache beruhigte sich schnell.
Unser neuer Ort erwies sich als Volltreffer. Viel mehr Leute kamen hier vorbei, freuten sich und kündigten für später ihr Kommen an. Auch waren jetzt 5, 6 Freunde eingetroffen. Zusammen ergaben wir sicher einen erhöhten Respektlevel. Die Vorgänge von gestern würden sich nicht wiederholen.
15:00
Schon in diesem Spiel sollte sich erweisen, dass wir heute einen ruhigen Nachmittag erleben sollten. Auch ein paar Leute hatten sich zu uns gesellt, unter ihnen zwei Kinder, die gestern auch im Pulk waren, aber sich etwas abseits davon gehalten hatten. Das Spiel riss uns nicht von den Sitzen, wir spielten selbst ein wenig Fußball. Dabei nahmen wir zunächst die Position von Fairplay-Missionaren ein. Ich spielte mit Thomas zu zweit gegen vier, fünf andere Kinder, das wechselte ständig. Während wir uns die Bälle hin-und herspielten, hatte sich bei den Jungs noch nicht herumgesprochen, dass es sich bei Fußball um einen Mannschaftssport handelt. Sobald einer von ihnen den Ball hatte, rannte er vor den anderen davon, zumeist mit dem Ball in der Hand, wurde dann irgendwie in eine Ecke gedrängt und traktiert mit Fußtritten und Würgegriffen. !Gib den Ball her!". Wir versuchten ihnen immer wieder klar zu machen, dass sie doch ein Team wären, aber das half alles nichts. Als dann auch noch die große Schwester eines Jungen mitspielte und mit ihren Fäusten durchgriff, hatten wir genug. Ich sah nur noch schreiende Zahnlückenmünder, Zeit für Fußball-WM. Der Ball wurde ins Auto geschlossen.
15:45
Die erste Halbzeit kann man getrost vergessen. Sie ist einzig und allein für Statistiker interessant. Die Portugiesen bestimmten das Spiel, die Iraner standen nur in der eigenen Hälfte, machten die "Räume eng", wie man so sagt und ihre Angriffe endeten stets mit einem Fehlpass.
16:00
Die zweite Halbzeit beginnt. Mittlweile ist auch Norman zu uns gekommen. Norman ist 17 und nimmt für uns ein wenig die Funktion des Aufpassers ein. Er achtet auf die Bar und die Pförtnerloge. Wir können uns wieder auf das Spiel konzentrieren. Aber es ist so langweilig!
16:19
Die Portugiesen bestimmen das Geschehen, allerdings wirkt alles nicht mehr so zwingend wie in den ersten 45 Minuten. Endlich fasst sich Figo in der 63. ein Herz, wagt einen Alleingang, Pass zu Deco, der zieht ab: 1:0. Ein Traumtor. Endlich mal.
In der letzten halben Stunde passiert nicht mehr viel. Die Portugiesen geben das Geschehen etwas aus der Hand, die Iraner haben ein paar halbe Chancen und in der 80. fällt die Entscheidung. Der selbstverliebte Christiano Ronaldo trifft zum 2:0. Es hätten ein paar Tore mehr fallen können, würde er nicht immer so eigensinnig spielen. Vielleicht hat er das Fußballspielen in Lokstedt gelernt, denke ich mir.
16:45
Das erste Spiel des Tages ist vorbei. Ich lehne mich gelangweilt zurück und sehe neben der Loge wieder die Terrorkids von gestern. Sie schauen nur kurz ums Eck und sind gleich wieder verschwunden. Einer von ihnen gesellt sich zu uns, ich erkenne ihn an seiner weißen Jacke wieder. Ich gehe zu ihm, um ihm mitzuteilen, dass da noch eine kleine Getränkerechnung von gestern offen ist. Völlig entgeistert schaut er mich an. Bringt uns das Geld und die Sache ist vergessen. "Wenn ihr ein wenig Ehre im Leib habt, bringt ihr uns das Geld", gebe ich ihm noch mit auf den Weg. Was für eine street creditibility-Floskel! Ich bin mir selbst etwas peinlich. Aber die Ansage scheint gesessen zu haben. Schnell kommen drei 14, 15-jährige Mädchen zu uns (die anstrengendsten gestern) und beteuern ihre Unschuld. Sie wissen, wer uns beklaut hat, wollen die Namen aber nicht nennen. Insgeheim finde ich das gut, das zeigt Haltung. Ich teile ihnen noch einmal unsere Genervtheit von gestern mit und führe ihnen ihre blöden Aktionen vor Augen. Sie sind einsichtig und entschuldigen sich und machen sich auf die Suche nach den bösen Jungs, nach den Anderen, die es dann immer gewesen sind. Von diesem Moment an gibt es keinerlei Probleme mehr mit ihnen, im Gegenteil wir verstehen uns fortan sehr gut. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch keiner wissen, dass sich schon die nächste Kindergang auf ihren Auftritt vorbereitete.
18:00
Anstoß Italien - USA
Zwischen den Spielen waren wir ein wenig spazieren und da Bewegung hungrig macht, hatten wir die Idee, den Grill noch einmal anzuwerfen. Es lagen noch vier pikante Pfeffersteaks neben der Couch, also rauf auf den Ofen. Schon als ich den Spiritus auf der Holzkohle ausgoss, war ich umzingelt von unzähligen 8jährigen Jungen, die für eine Attraktion namens Feuer den silbernen Fußball liegen ließen, den ich inzwischen wieder aus dem Transporter geholt hatte. Na gut, es waren vielleicht vier oder fünf Knirpse, aber die können einen Betrieb machen, dass man sich einer ganzen Armee gegenüber sieht. Der Fußball war am Ende eines langen Tages übrigens verschwunden. Vermutlich hatte er sich hier im preisgekrönten Wohngebiet eine Wohnung gesucht.
Noch hatte ich das Streichholz nicht an die Kohlen gehalten, da begannen schon alle zu pusten. Eine Stichflamme ließ zunächst alle zurück schrecken, um sie Sekunden später erst recht wieder anzuziehen.
Italien hatte übrigens gerade das 1:0 erzielt. Ich bekam hier nichts mehr mit, außer dass jetzt doch alle Plätze ausgefüllt waren. Einige Anwohner hatten sich Decken mitgebracht und es sich gemütlich gemacht. Sie hatten sich sozusagen eingemümmelt.
Jetzt Pusten von allen Seiten, das Feuer schlug nach oben aus. "Können wir auch was essen? Ist da noch was übrig?" Wir mit unseren knurrenden Mägen fühlten uns alsbald als schlechte Menschen. Wir würden jetzt gleich den armen Kindern was voressen. Da wußte ich noch nicht, dass in wenigen Minuten mein Mitleid in seine Grenzen verwiesen werden würde.

Die Amerikaner machten ziemlichen Wind und waren gegenüber dem Spiel gegen Tschechien nicht wiederzuerkennen. Italien war mächtig in die eigene Hälfte gedrängt und konzentrierte sich aufs verteidigen.
18:27 Trotz des guten Forcheckings der Amis war Italien in der 22. Minute in Führung gegangen, doch jetzt der Doppelschock: erst das 1:1 nach einem Eigentor von Zaccardo und nun der Ellbogencheck von de Rossi gegen McBride. Brutales Foul! Zu Recht Rot. Franz Beckenbauer sollte später irgendwas faseln von "Wir spielen hier nicht Basketball, sondern Fußball." Aber was hat das damit zu tun. Augen auf, Herr Kaiser! Das war Körperverletzung.
Die musste ich im übrigen auch mehrmals am Grill verhindern. Irgendwie war die Spiritusflasche in die Kinderhände geraten. Ich grätschte dazwischen und verinderte das Schlimmste.
Wir aßen bald darauf unsere Pfeffersteaks, eins war auch für die Bengels übrig geblieben. Sie hatten jetzt vollständig die Kontrolle über den Grill übernommen.
Ich setzte mich entspannt zur zweiten Halbzeit auf die Couch. Auch die Amerikaner hatten sich eine Rote abgeholt. Während ich auf die Zeitlupe schaute und dem Schiedsrichter beipflichten musste, hörte mein Unterbewußtsein von irgendwoher die Vokabel "auspinkeln". Ich nahm davon vorerst keine Notiz. Die Amis waren jetzt am Drücker, nutzten die taktische Verwirrung in der italienischen Mannschaft und spielten sich eine Chance nach der anderen heraus.
Als gerade Italiens Torhüter Buffon quer in der Luft lag, sah ich aus dem Augenwinkel zwei Jungen mit herunter gelassener Hose am Grill stehen. Jetzt begannen meine Synapsen zu rotieren. Eine Kombinationskette bestehend aus Grill brennt-Fleisch ist alle- Feuer ausmachen setzte sich in Gang. Und jetzt schoss es mir in den Sinn: "auspinkeln". Die Jungen wollten den Grill auspinkeln. In Sekundenschnelle erinnerte ich mich an einen Sommertag, es muss in meinem 17. Lebensjahr gewesen sein. Wir feierten ein Party, irgendwo auf dem Land mit Übernachtung in einer Scheune. Ziemlich betrunken standen wir zu viert am Grill in eben jener Pose wie diese Jungs dort und liesen es auf die noch glühende Holzkohle rieseln. Natürlich stand ich genau auf der Seite, auf der der Rauch nach oben schoss. Diese Tatsache war übrigens typisch für diesen Abschnitt meines Lebens. Aber das ist eine andere Geschichte.
Ein unglaublicher Gestank legte sich auf mich, auf meine Sachen, in meine Haare. Ich habe ihn geschätzte drei Tage nicht mehr losbekommen. Vielleicht hatte er sich nur in meinen Nasenhaaren verfangen,ich weiß es nicht.
In diesem Moment war mir nur eines klar, das wollte ich nie wieder erleben und schon gar nicht hier in unserem WM-Wohnzimmer. Wie dieser Buffon sprang ich auf, schreie Nein! und rette damit den Grill. Die Hosen flutschen nach oben. Das war knapp. Ich wußte in diesem Moment, welcher Kelch an unser vorübergezogen war. Ich habe es erlebt!
Die Kids sind kaum geschockt. Sie legen jetzt großflächige Pappestückchen auf das Feuer. Das stinkt ähnlich schlimm. Auch die Rauchentwicklung ist in etwa das gleiche Kaliber. Ich setze mich zurück aufs Sofa und beobachte den nächsten USA-Angriff. Mittlerweile sind sie nur noch zu neunt, können das allerdings gut kompensieren. Wir sehen das aufregendste Spiel des Tages, nicht nur auf dem Platz, auch auf den Rängen der Wohnzimmer WM. Plötzlich höre ich einen Schrei, der fast etwas unmenschliches an sich zu haben scheint. Er kommt aus Richtung des Grills. Dort steht jetzt Till mit rotem Kopf und aufgerissenem Mund. Ich realisiere sofort: hier bahnen sich all der Frust und all die Anstrengung, die zwei Tage hinter Schloss und Riegel verbringen mussten, ihren Weg nach draußen. "Schluss jetzt!" oder "Haut ab! schallt es durch die Häuser. "Haut endlich ab!", "Weg!" , "Ihr geht mir so af die Eier!!" Die Jungs suchen sofort das Weite. Selbst ich bekomme es mit der Angst zu tun. ..
Aber dann ist Ruhe, wundersame Ruhe. Was doch so ein Gewitter manchmal für eine reinigende Wirkung hinterlässt.
Italien und USA trennen sich 1:1. Für uns war es hier auch irgendwie ein Unentschieden. Auf jeden Fall die aufregendste Station auf unserer Reise bisher. Letztendlich doch noch ein schönes Wochenende. Wir haben auch viele nette Leute getroffen, aber wie es immer so ist: die Dinge, die schief laufen sind ein bisschen interessanter.
Bis zum nächsten Mal,
Peter Schütz
2006.07.04, 16:03
by peter folk
about: tagebuch
City-Nord, 30.Juni 2006 "Wer ist hier der Verantwortliche?!"
Viertelfinale
Deutschland ? Argentinien 1:1 (1:1, 0:0) n.v. 3:1 i.E.
Italien ? Ukraine 3:0 (1:0)
Warum sind wir immer so spät dran? Jedes Mal dasselbe. In 40 Minuten beginnt das Spiel und wir kurven hier immer noch durchs verstopfte Eppendorf. Jeder hatte heute einen identischen Plan: ich nehme das Auto mit zur Arbeit, da kann ich dann halb fünf direkt zum public viewing fahren. Unser Plan ging leider in die entgegengesetzte Richtung. Immer schön ruhig bleiben, ist ja alles reine Routine jetzt. Bis zum Wesselyring sind es ja nur 10 Minuten. Wie sagte eine Kellnerin neulich in Erika`s Eck zu mir, als ich sie fragte, ob es zum Leberwurstbrötchen noch einen Kümmerling gibt: ?Das ist ein klarer Fall von Denkste!? Dieser Spruch war hier und heute angebracht, nicht zum ersten Mal.
Wie die aufgescheuchten Hühner kamen wir an um zerrten unser Zeug aus dem Auto. Zum Glück hatten sich mal wieder ein paar arbeitsame Jugendliche eingefunden. Darauf konnte man mittlerweile mit großer Sicherheit bauen. Ich stand gehörig unter Strom. Das war nicht irgendein Spiel heute. Das war Viertelfinale, Deutschland ? Argentinien. Heute entschied sich so Einiges. Würde Klinsmann Trainer bleiben? War die Arbeit der letzten zwei Jahre umsonst? War die deutsche Mannschaft wieder in der Weltspitze angekommen? Würden wir endlich mal einen Großen schlagen? Würde Klose endlich mal gegen einen Großen treffen? Riesige Fragezeichen umschwammen meinen Kopf, als ich die Digital-Antenne anschaltete und es kam noch eines hinzu, als die Fernseher keinen Saft hatten. Ich weiß bis heute nicht, woher der Strom dann kam, jedenfalls hatten wir pünktlich zur Hymne ein Bild. Hatten wir nicht aus den Fehlern gelernt? Ich dachte an meinen Beinah-Nervenzusammenbruch auf der Autobahn Richtung Mümmelmannsberg, d.h. im Stau wusste ich ja nicht mal, dass wir in die richtige Richtung fuhren. Na egal, jetzt stand alles. Jetzt zählte nur noch das Spiel. Ich machte es mir bequem, schob ein paar Drei-Käse-Hochs zur Seite und sicherte mir den besten Platz. Wieder diese Scheuklappen. Plötzlich ein Zeigefinger auf der Schulter in gleichmäßigen Auf- und Abbewegungen, ein Tippen sozusagen. ?Wer ist hier der Verantwortliche?? Ich schaue nicht nach hinten, mein Blick bleibt auf dem Bildschirm, das Spiel läuft schon. ?Ich.?, antworte ich teilnahmslos. ?Wer hat das hier genehmigt?? Ich habe absolut keine Lust auf Diskussionen. Argentinien ist im Angriff. Ich habe Angst. ?Das ist ein Projekt gemeinsam mit der SAGA GWG.? Ich leiere meinen Text runter. Wie oft musste ich das schon erklären. Doch jetzt gerade nicht noch Mal. ?Ich bin die Mietervertreterin hier und mit mir hat keiner gesprochen?, antwortet sie barsch. Ich nehme an, sie fühlt sich zu wenig beachtet. Da kann sie richtig liegen. Freistoß für Argentinien. Ein leises ?Scheiße? entfleucht mir. Nicht schon ein früher Rückstand. Diese Argentinier sind ein anderes Kaliber. Das sieht man jetzt schon nach drei Minuten. ?Fahren sie sofort ihr Fahrzeug auf den Parkplatz!? Die deutsche Mauer positioniert sich. Ich höre gar nicht hin. ?Gleich.?, sage ich eher im Reflex. ?Nein. Sofort!!? Jetzt wird sie laut. Ihre Autorität wird übergangen. Sie versteht nicht, dass dort etwas geschieht, das wichtiger ist als sie. Der Freistoß geht drüber. Ich lasse mich zurückfallen, mein Puls ist nach wie vor extrem hoch. ?Fahren sie sofort ihr Auto weg. Wir ärgern uns immer maßlos, wenn hier über die Rabatten gefahren wird!? ?Jetzt seien Sie mal nicht so unfreundlich!?, platzt es aus mir heraus. ?Das ist ein Projekt für Ihr Wohngebiet, für die Leute hier und sie haben nicht in solch einem Ton mit uns zu reden.? Sie scheint das vollbesetzte Wohnzimmer nicht zu sehen. Es ist proppenvoll, eine Wolke der Spannung liegt über dem Ensemble. Ich stehe auf und fahre den Wagen weg und verpasse wichtige 5 Minuten, die für immer verloren sein werden. Ich parke und renne zurück. Dort wartet schon das nächste Unheil. ?Hallo wir sind vom Hamburger Abendblatt.? Oh, nein. Ich freue mich über jeden Pressevertreter, aber doch nicht jetzt. Das Spiel der Spiele läuft seit 10 Minuten. Die Redakteurin stellt ihre Fragen. Sie will tatsächlich sofort ein Interview beginnen. Ich antworte wortkarg. Mein Blick bleibt auf den Bildschirm gerichtet. Meine Aussagen werden hie und da von einem aah! oder uuh! unterbrochen. Mein Vokabular ist stark eingeschränkt in diesem Moment. Ich bin fixiert. ?Wir haben ein Problem!? schreit jemand von der Seite. Es ist die Pressefotografin, die mit dem Sitzensemble nicht einverstanden ist. ?Auf der einen Seite sitzen ja nur Kinder, das kriegen wir nicht genehmigt. Da müssen wir erst die Eltern fragen, ob wir das veröffentlichen dürfen. Das dauert ewig? Ja und, denke ich. Mir doch egal. ?Können wir die mal umplatzieren und noch Erwachsene fürs Foto ranholen?? Wie bitte. Habt ihr noch nicht mitbekommen was hier läuft? ?Jetzt geht das nicht, erst in der Halbzeitpause.? Na dann haben wir ein Problem.? Es ist das letzte, was ich von ihnen höre. Nach einer Viertelstunde kann ich endlich Fußball schauen. Mir ist ganz schlecht, ich leide.
17:16
Flanke Schneider. Ballack schraubt sich hoch. Kopfball. Haach! Vorbei. Ich falle auf die Knie. Das wärs doch gewesen. Der Rest der ersten Hälfte ist reines Leid. Egal wo der Ball hinkommt, da steht schon ein Argentinier. Wie die Ameisen bevölkern sie den Rasen und man hat das Gefühl, dass Trainer Pekerman unbeachtet von den Offiziellen alle Einwechselspieler, Masseure, Mediziner, Fahrer, Funktionäre und sich selbst in ein hellblau-weiß gestreiftes Trikot gesteckt und eingewechselt hat.
17:45
0:0 zur Pause. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Schneider kommt nicht richtig in die Gänge, ist hinten gebunden. Lahm mit überraschend vielen Fehlern. Haben ihn die Aussagen Maradonas nervös gemacht? Wollte er es dem kleinen Fußball-Genie beweisen? Dabei war der gar nicht im Stadion. Seine Kumpels durften nicht mit, da ist er wieder gegangen.
Auch Kose ist ein wenig abgeschnitten vom Rest der Mannschaft und kämpft vorn einsam darum, überhaupt einmal an den Ball zu kommen.
18:00
Anstoß zweite Halbzeit. Alles wie gehabt. Deutschland kommt nicht ins Spiel. Und dann der Schock: Lehmann fliegt zum ersten Mal durch den Strafraum und das gleich umsonst. 1:0 für Argentinien. Das saß. Ecke ? Tor, nennt man so was. Ich habe sofort das Gefühl, das war`s. Ich werde ruhig. Viertelfinale, das ist doch auch was wert. Die Argentinier sind einfach die stärkste Mannschaft.
Doch zwei wichtige Faktoren sollte die Wende bringen: Thorsten Frings schwang sich zum größten Spiel seiner Karriere auf. Bei ihm war Riquelme, der geniale Spielmacher vom FC Villareal abgemeldet, seine Pässe versandeten immer wieder in der perfekt gestaffelten deutschen Abwehr. Diese Tatsache verleitete José Pekerman zu einer Handlung, die ihm im Nachhinein wohl den Hass seiner Landsleute einbringen sollte und die aus argentinischer Sicht das Spiel ins Negative kippen ließ. Er wechselte Riquelme in der 71. Minute aus. Dem stinksauren Spielmacher folgte wenig später Crespo auf die Ersatzbank. Die beiden wichtigsten Offensivkräfte waren fortan nicht mehr dabei. Die Handlungsweise des Trainers ist im Rückblick gar nicht so unlogisch, brachten die Argentinier trotz spielerischer und kämpferischer Klasse bis auf das Tor keine Chance zustande. Die Deutschen hatten eine Chance mehr und die sollte entscheidend sein. Lahm mit Diagonalpass in die Mitte auf Borowski, der verlängert mit dem Kopf auf Klose, der mit demselben einköpft zum 1:1. Ich schreie, werfe mich auf alle Viere, damit konnte doch keiner mehr rechnen. Jetzt sind wir wieder dabei, jetzt ist wieder alles drin. Und Riquelme und Crespo sind schon draußen.
Die letzten Minuten und die Verlängerung bringen keine Störaktionen mehr, weder auf dem Spielfeld, noch hier in Hamburg-Nord von ignoranten Fußball-Nicht-Interessierten. Elfmeterschießen. Ich bin fix und fertig. Jens Tochter Lucca (3) will schaukeln. Immer wieder vertröstet er sie auf nach dem Spiel. Nur will es einfach nicht vorbei sein.
19:30 (ca.)
Die Schützen sind bestimmt, Deutschland wird starten. Neuville geht zum Punkt. Wieso Neuville? Der setzt sich doch vielleicht zu sehr unter Druck. Die Reservistenrolle usw. Neuville schießt unten rechts, der argentinische Ersatztorwart ist in der richtigen Ecke, doch TOOOOOOOOOR, 1:0.
Für Argentinien schießt der lange Cruz. Er kam für Crespo, hatte aber noch nichts gerissen. Seine entscheidende Funktion bei diesem Spiel sollte sich erst nach Spielende zeigen. Cruz trifft: 1:1.
Jetzt Ballack. Krämpfe hatten ihn geschüttelt, er hatte sich draußen behandeln lassen, mehrmals. Doch der Kapitän war geblieben und schoss jetzt sogar den zweiten Elfmeter. TOOOR! 2:1
Gegenüber springen alle auf. Die drei kleinen Argentinien-Fans waren zur Halbzeit gegangen. Man, was hätten die mich geärgert nach dem 0:1.
Jetzt Ayala. Hat ein überragendes Spiel gemacht im Abwehrzentrum. Er läuft an. Das war doch kein Elfmeter! Lehmann braucht sich nur zur Seite fallen lassen und hält den Ball sogar fest! JAAA. Es bleibt 2:1.
Poldi. ?Ich habe gedacht, ich hau` ihn einfach rein, wie beim FC.?, hat er später gesagt. Und so macht er es auch. 3:1 für Deutschland. Ich springe auf und kniee jetzt vor dem Fernsehgerät wie bei der Weltmeisterschaft der Luftgitarristen.
Für Argentinien trifft Rodriguez. Ja, der kann schießen. 3:2
Der nächste Elfmeterschütze wird interessant. Cambiasso wird schießen und wenn er versemmelt, dann hat Pekerman mit seiner Einwechslung für Riquelme alles falsch gemacht. Und so ist es. Cambiasso verschießt. Deutschland steht im Halbfinale!!!!!!!!!!!!!!!! Ich renne durch das gesamte Wohngebiet und schreie meine Freude heraus. Auch das Wohnzimmer tobt. Einige meinen danach, sie hätten ein wenig Angst gehabt vor mir. Kein Grund.
Endlich einen Großen geschlagen, endlich wieder Weltspitze. Ja da ?gehen die Gefühle ein wenig Gassi.? (O-Ton Klinsmann) Mit den Argentiniern auch. Sie werden zu Springböcken und zeigen eine neue Folge von ?Celebrity Deathmatch?. Da geht es rund. Cruz soll angeblich von Frings geschlagen worden sein. Frings muss zuschauen im Halbfinale. Aber er kommt wieder. Er wird spielen und zwar im Finale!
Deutschland ? Argentinien 1:1 (1:1, 0:0) n.v. 3:1 i.E.
Italien ? Ukraine 3:0 (1:0)
Warum sind wir immer so spät dran? Jedes Mal dasselbe. In 40 Minuten beginnt das Spiel und wir kurven hier immer noch durchs verstopfte Eppendorf. Jeder hatte heute einen identischen Plan: ich nehme das Auto mit zur Arbeit, da kann ich dann halb fünf direkt zum public viewing fahren. Unser Plan ging leider in die entgegengesetzte Richtung. Immer schön ruhig bleiben, ist ja alles reine Routine jetzt. Bis zum Wesselyring sind es ja nur 10 Minuten. Wie sagte eine Kellnerin neulich in Erika`s Eck zu mir, als ich sie fragte, ob es zum Leberwurstbrötchen noch einen Kümmerling gibt: ?Das ist ein klarer Fall von Denkste!? Dieser Spruch war hier und heute angebracht, nicht zum ersten Mal.
Wie die aufgescheuchten Hühner kamen wir an um zerrten unser Zeug aus dem Auto. Zum Glück hatten sich mal wieder ein paar arbeitsame Jugendliche eingefunden. Darauf konnte man mittlerweile mit großer Sicherheit bauen. Ich stand gehörig unter Strom. Das war nicht irgendein Spiel heute. Das war Viertelfinale, Deutschland ? Argentinien. Heute entschied sich so Einiges. Würde Klinsmann Trainer bleiben? War die Arbeit der letzten zwei Jahre umsonst? War die deutsche Mannschaft wieder in der Weltspitze angekommen? Würden wir endlich mal einen Großen schlagen? Würde Klose endlich mal gegen einen Großen treffen? Riesige Fragezeichen umschwammen meinen Kopf, als ich die Digital-Antenne anschaltete und es kam noch eines hinzu, als die Fernseher keinen Saft hatten. Ich weiß bis heute nicht, woher der Strom dann kam, jedenfalls hatten wir pünktlich zur Hymne ein Bild. Hatten wir nicht aus den Fehlern gelernt? Ich dachte an meinen Beinah-Nervenzusammenbruch auf der Autobahn Richtung Mümmelmannsberg, d.h. im Stau wusste ich ja nicht mal, dass wir in die richtige Richtung fuhren. Na egal, jetzt stand alles. Jetzt zählte nur noch das Spiel. Ich machte es mir bequem, schob ein paar Drei-Käse-Hochs zur Seite und sicherte mir den besten Platz. Wieder diese Scheuklappen. Plötzlich ein Zeigefinger auf der Schulter in gleichmäßigen Auf- und Abbewegungen, ein Tippen sozusagen. ?Wer ist hier der Verantwortliche?? Ich schaue nicht nach hinten, mein Blick bleibt auf dem Bildschirm, das Spiel läuft schon. ?Ich.?, antworte ich teilnahmslos. ?Wer hat das hier genehmigt?? Ich habe absolut keine Lust auf Diskussionen. Argentinien ist im Angriff. Ich habe Angst. ?Das ist ein Projekt gemeinsam mit der SAGA GWG.? Ich leiere meinen Text runter. Wie oft musste ich das schon erklären. Doch jetzt gerade nicht noch Mal. ?Ich bin die Mietervertreterin hier und mit mir hat keiner gesprochen?, antwortet sie barsch. Ich nehme an, sie fühlt sich zu wenig beachtet. Da kann sie richtig liegen. Freistoß für Argentinien. Ein leises ?Scheiße? entfleucht mir. Nicht schon ein früher Rückstand. Diese Argentinier sind ein anderes Kaliber. Das sieht man jetzt schon nach drei Minuten. ?Fahren sie sofort ihr Fahrzeug auf den Parkplatz!? Die deutsche Mauer positioniert sich. Ich höre gar nicht hin. ?Gleich.?, sage ich eher im Reflex. ?Nein. Sofort!!? Jetzt wird sie laut. Ihre Autorität wird übergangen. Sie versteht nicht, dass dort etwas geschieht, das wichtiger ist als sie. Der Freistoß geht drüber. Ich lasse mich zurückfallen, mein Puls ist nach wie vor extrem hoch. ?Fahren sie sofort ihr Auto weg. Wir ärgern uns immer maßlos, wenn hier über die Rabatten gefahren wird!? ?Jetzt seien Sie mal nicht so unfreundlich!?, platzt es aus mir heraus. ?Das ist ein Projekt für Ihr Wohngebiet, für die Leute hier und sie haben nicht in solch einem Ton mit uns zu reden.? Sie scheint das vollbesetzte Wohnzimmer nicht zu sehen. Es ist proppenvoll, eine Wolke der Spannung liegt über dem Ensemble. Ich stehe auf und fahre den Wagen weg und verpasse wichtige 5 Minuten, die für immer verloren sein werden. Ich parke und renne zurück. Dort wartet schon das nächste Unheil. ?Hallo wir sind vom Hamburger Abendblatt.? Oh, nein. Ich freue mich über jeden Pressevertreter, aber doch nicht jetzt. Das Spiel der Spiele läuft seit 10 Minuten. Die Redakteurin stellt ihre Fragen. Sie will tatsächlich sofort ein Interview beginnen. Ich antworte wortkarg. Mein Blick bleibt auf den Bildschirm gerichtet. Meine Aussagen werden hie und da von einem aah! oder uuh! unterbrochen. Mein Vokabular ist stark eingeschränkt in diesem Moment. Ich bin fixiert. ?Wir haben ein Problem!? schreit jemand von der Seite. Es ist die Pressefotografin, die mit dem Sitzensemble nicht einverstanden ist. ?Auf der einen Seite sitzen ja nur Kinder, das kriegen wir nicht genehmigt. Da müssen wir erst die Eltern fragen, ob wir das veröffentlichen dürfen. Das dauert ewig? Ja und, denke ich. Mir doch egal. ?Können wir die mal umplatzieren und noch Erwachsene fürs Foto ranholen?? Wie bitte. Habt ihr noch nicht mitbekommen was hier läuft? ?Jetzt geht das nicht, erst in der Halbzeitpause.? Na dann haben wir ein Problem.? Es ist das letzte, was ich von ihnen höre. Nach einer Viertelstunde kann ich endlich Fußball schauen. Mir ist ganz schlecht, ich leide.
17:16
Flanke Schneider. Ballack schraubt sich hoch. Kopfball. Haach! Vorbei. Ich falle auf die Knie. Das wärs doch gewesen. Der Rest der ersten Hälfte ist reines Leid. Egal wo der Ball hinkommt, da steht schon ein Argentinier. Wie die Ameisen bevölkern sie den Rasen und man hat das Gefühl, dass Trainer Pekerman unbeachtet von den Offiziellen alle Einwechselspieler, Masseure, Mediziner, Fahrer, Funktionäre und sich selbst in ein hellblau-weiß gestreiftes Trikot gesteckt und eingewechselt hat.
17:45
0:0 zur Pause. Ich habe ein schlechtes Gefühl. Schneider kommt nicht richtig in die Gänge, ist hinten gebunden. Lahm mit überraschend vielen Fehlern. Haben ihn die Aussagen Maradonas nervös gemacht? Wollte er es dem kleinen Fußball-Genie beweisen? Dabei war der gar nicht im Stadion. Seine Kumpels durften nicht mit, da ist er wieder gegangen.
Auch Kose ist ein wenig abgeschnitten vom Rest der Mannschaft und kämpft vorn einsam darum, überhaupt einmal an den Ball zu kommen.
18:00
Anstoß zweite Halbzeit. Alles wie gehabt. Deutschland kommt nicht ins Spiel. Und dann der Schock: Lehmann fliegt zum ersten Mal durch den Strafraum und das gleich umsonst. 1:0 für Argentinien. Das saß. Ecke ? Tor, nennt man so was. Ich habe sofort das Gefühl, das war`s. Ich werde ruhig. Viertelfinale, das ist doch auch was wert. Die Argentinier sind einfach die stärkste Mannschaft.
Doch zwei wichtige Faktoren sollte die Wende bringen: Thorsten Frings schwang sich zum größten Spiel seiner Karriere auf. Bei ihm war Riquelme, der geniale Spielmacher vom FC Villareal abgemeldet, seine Pässe versandeten immer wieder in der perfekt gestaffelten deutschen Abwehr. Diese Tatsache verleitete José Pekerman zu einer Handlung, die ihm im Nachhinein wohl den Hass seiner Landsleute einbringen sollte und die aus argentinischer Sicht das Spiel ins Negative kippen ließ. Er wechselte Riquelme in der 71. Minute aus. Dem stinksauren Spielmacher folgte wenig später Crespo auf die Ersatzbank. Die beiden wichtigsten Offensivkräfte waren fortan nicht mehr dabei. Die Handlungsweise des Trainers ist im Rückblick gar nicht so unlogisch, brachten die Argentinier trotz spielerischer und kämpferischer Klasse bis auf das Tor keine Chance zustande. Die Deutschen hatten eine Chance mehr und die sollte entscheidend sein. Lahm mit Diagonalpass in die Mitte auf Borowski, der verlängert mit dem Kopf auf Klose, der mit demselben einköpft zum 1:1. Ich schreie, werfe mich auf alle Viere, damit konnte doch keiner mehr rechnen. Jetzt sind wir wieder dabei, jetzt ist wieder alles drin. Und Riquelme und Crespo sind schon draußen.
Die letzten Minuten und die Verlängerung bringen keine Störaktionen mehr, weder auf dem Spielfeld, noch hier in Hamburg-Nord von ignoranten Fußball-Nicht-Interessierten. Elfmeterschießen. Ich bin fix und fertig. Jens Tochter Lucca (3) will schaukeln. Immer wieder vertröstet er sie auf nach dem Spiel. Nur will es einfach nicht vorbei sein.
19:30 (ca.)
Die Schützen sind bestimmt, Deutschland wird starten. Neuville geht zum Punkt. Wieso Neuville? Der setzt sich doch vielleicht zu sehr unter Druck. Die Reservistenrolle usw. Neuville schießt unten rechts, der argentinische Ersatztorwart ist in der richtigen Ecke, doch TOOOOOOOOOR, 1:0.
Für Argentinien schießt der lange Cruz. Er kam für Crespo, hatte aber noch nichts gerissen. Seine entscheidende Funktion bei diesem Spiel sollte sich erst nach Spielende zeigen. Cruz trifft: 1:1.
Jetzt Ballack. Krämpfe hatten ihn geschüttelt, er hatte sich draußen behandeln lassen, mehrmals. Doch der Kapitän war geblieben und schoss jetzt sogar den zweiten Elfmeter. TOOOR! 2:1
Gegenüber springen alle auf. Die drei kleinen Argentinien-Fans waren zur Halbzeit gegangen. Man, was hätten die mich geärgert nach dem 0:1.
Jetzt Ayala. Hat ein überragendes Spiel gemacht im Abwehrzentrum. Er läuft an. Das war doch kein Elfmeter! Lehmann braucht sich nur zur Seite fallen lassen und hält den Ball sogar fest! JAAA. Es bleibt 2:1.
Poldi. ?Ich habe gedacht, ich hau` ihn einfach rein, wie beim FC.?, hat er später gesagt. Und so macht er es auch. 3:1 für Deutschland. Ich springe auf und kniee jetzt vor dem Fernsehgerät wie bei der Weltmeisterschaft der Luftgitarristen.
Für Argentinien trifft Rodriguez. Ja, der kann schießen. 3:2
Der nächste Elfmeterschütze wird interessant. Cambiasso wird schießen und wenn er versemmelt, dann hat Pekerman mit seiner Einwechslung für Riquelme alles falsch gemacht. Und so ist es. Cambiasso verschießt. Deutschland steht im Halbfinale!!!!!!!!!!!!!!!! Ich renne durch das gesamte Wohngebiet und schreie meine Freude heraus. Auch das Wohnzimmer tobt. Einige meinen danach, sie hätten ein wenig Angst gehabt vor mir. Kein Grund.
Endlich einen Großen geschlagen, endlich wieder Weltspitze. Ja da ?gehen die Gefühle ein wenig Gassi.? (O-Ton Klinsmann) Mit den Argentiniern auch. Sie werden zu Springböcken und zeigen eine neue Folge von ?Celebrity Deathmatch?. Da geht es rund. Cruz soll angeblich von Frings geschlagen worden sein. Frings muss zuschauen im Halbfinale. Aber er kommt wieder. Er wird spielen und zwar im Finale!
2006.07.10, 18:10
by peter folk
about: tagebuch
Altona, Große Bergstraße, 5. Juli 2006 "Mach`das ma´nich!"
Altona, Große Bergstraße, 5. Juli
2. Halbfinale
Frankreich - Portugal 1:0 (0:0)
Wenn es zu irgendeinem Zeitpunkt eine Parallele zwischen unserem Seelenzustand und dem der Deutschen Nationalmannschaft gegeben hat, dann war er heute an diesem Mitwoch, den 5. Juli 2006 gekommen. Der Schock saß tief. Die Spannung war abgefallen, die WM irgendwie vorbei. Und doch mussten wir weitermachen, es gab noch drei Spiele und das waren wir den Leuten schuldig. Aber die Beine waren so unglaublich schwer. Zum ersten Mal fühlte ich mich als Teil des Mannschaftstrosses der deutschen Nationalmannschaft. Wir arbeiteten eben ein wenig abseits der übrigen Truppe. Wahrscheinlich ging es jedem so, der irgendwie im Dunstkreis der WM einem Job nachging, aber das sollte mir egal sein. Die Hitze war jedenfalls noch nicht ausgeschieden, sie trieb weiter fröhlich ihr Unwesen und war genauso wenig abzuschütteln wie dieser wahnsinnige Cannavaro in der italienischen Abwehr. Ein Freund hatte mich mit der Theorie zu trösten versucht, dass es doch besser wäre, so aus dem Spiel heraus auszuscheiden, als wieder mit Dusel und unverdient im Elfmeterschießen weiter zu kommen. Ich konnte damit nichts anfangen. Als Fußballfan sehe ich die Sache ein wenig naiver, weniger intellektuell.
Wie auch immer. Ein paar Wolken hatten sich ans Firmament getraut, machten die Sache aber auch nicht besser. Wenigstens die Döner-Lady sollten wir heute nicht zu Gesicht bekommen. Ihr Geschäft gestern schien dann doch zufriedenstellend verlaufen zu sein. Auf der Großen Bergstraße war es still. Ich sah uns als Teil einer überlangen Einstellung eines Wim Wenders Films aus den 70ern, der irgendwo in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA spielt. Ein paar Cowboys hatten sich vor dem Saloon "Café Venezia" niedergelassen, wir errichteten unsere Wagenburg. Heute war also Zeit für das zweite Halbfinale Portugal - Frankreich. Meine Sympathien und die der meisten Anderen hier waren klar auf die Franzosen verteilt. Sie waren ein stolzes Team mit großen Namen und ich gönnte Zidane einen gelungenen Abschied im WM-Finale. Der Großteil der Mädchen hielten zu Portugal, sie standen auf Christiano Ronaldo und - natürlich Figo. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, aber da sind die Prioritäten eben anders verteilt.
Kurz vor dem Anpfiff waren wider Erwarten fast genau so viele Menschen da, wie gestern beim Deutschlandspiel, beinahe die selben Gesichter. Und wie gestern versammelten sie sich zunächst vor unserem krank gewordenen Kühlschrank, der jetzt, so mein Eindruck, die Getränke nicht nur nicht kühlte, sondern sogar erwärmte, wenn das überhaupt noch ging. Wieder hatten wir ein Fest für die umliegenden Kioske eröffnet.
21:00
Anstoß. Die Portugiesen, denen ich hier übrigens nichts zutraute, gaben klar den Ton an. Sie wollten ein frühes Tor. Dagegen waren die Franzosen fast ausschließlich aufs Zerstören aus. Maniche schoss mal wieder aus allen Lagen. In dem Zusammenhang fällt mir ein Spruch ein, den ein Freund aus einem Erfurter Biergarten nach Hamburg getragen hatte. Nach einem Fehlschuss Maniches rief ein angetrunkender Fan: "Hey, mach`das ma` nich!"
Ein gelungener Kalauer, wie ich finde, und er hatte sich während des Spiels wie ein Ohrwurm in mein Gehirn gegraben.
Und dann, bei aller Liebe, die unverdiente Führung: Henry war im Strafraum gefoult worden. Natürlich tritt Zidane zum Punkt und trifft, Chefsache!
Ich strecke kurz die Faust nach oben, die beiden Figo-Anhängerinnen links und rechts neben mir schauen etwas missmutig. Ab jetzt hoffe ich auf den Ausgleich Portugals. Das Spiel ist so langweilig, eine Verlängerung würde wenigstens etwas für Spannung sorgen. Beim Spiel Schweiz - Ukraine gab es ja auch zum großen Glück noch ein Elfmeterschießen, sonst hätte es beim Titel "schlechtestes Spiel aller Zeiten" den Klassiker Deutschland - Österreich aus dem Jahre 1982 vom ersten Platz verdrängt. So wurde es nur zweitschlechtestes Spiel. Dieses hier war wohl das drittschlechteste.
22:00
Die zweite Hälfte beginnt. Die Franzosen wollen nicht mehr, die Portugiesen können wahrscheinlich nicht mehr. Das Spiel ist so öde, dass jetzt Sekundärthemen besprochen werden. Der Typ hinter mir ereifert sich geschlagene 45 Minuten darüber, dass bei den Franzosen Barthez im Tor steht und nicht Coupet. Viele vermuten, dass Barthez nur spielt, weil er der Intimfreund von Zinedine Zidane ist. Wie auch immer, er hat ja recht, allerdings kann die ständige Demonstration von Wissen auch anstrengend sein. Das alles geschah auch stets mit einem kleinen Seitenblick zu den Portugal-Anhängerinnen. Denen war das Schnuppe, Portugal war auf dem besten Wege, sich aus dem Turnier zu verabschieden. Ich tröstete sie, ganz so wäre es doch auch nicht. Sie hätten doch sowieso noch ein Spiel, spielen eben am Samstag und nicht am Sonntag und sogar noch eine Stunde später. Was auch immer das heißen soll...
Kurzum: gähnende Franzosenfreunde und enttäuschte Portugalfans, denen das alles am Ende eigentlich auch egal war, gaben sich gegen 23 Uhr einen Ruck und verließen die Kissen. Wir haben das alles der Vollständigkeit halber zur Kenntnis genommen, unser Spiel war gestern. Wir werden Dritter. Auf nach Veddel!
Wir melden uns wieder.
2. Halbfinale
Frankreich - Portugal 1:0 (0:0)
Wenn es zu irgendeinem Zeitpunkt eine Parallele zwischen unserem Seelenzustand und dem der Deutschen Nationalmannschaft gegeben hat, dann war er heute an diesem Mitwoch, den 5. Juli 2006 gekommen. Der Schock saß tief. Die Spannung war abgefallen, die WM irgendwie vorbei. Und doch mussten wir weitermachen, es gab noch drei Spiele und das waren wir den Leuten schuldig. Aber die Beine waren so unglaublich schwer. Zum ersten Mal fühlte ich mich als Teil des Mannschaftstrosses der deutschen Nationalmannschaft. Wir arbeiteten eben ein wenig abseits der übrigen Truppe. Wahrscheinlich ging es jedem so, der irgendwie im Dunstkreis der WM einem Job nachging, aber das sollte mir egal sein. Die Hitze war jedenfalls noch nicht ausgeschieden, sie trieb weiter fröhlich ihr Unwesen und war genauso wenig abzuschütteln wie dieser wahnsinnige Cannavaro in der italienischen Abwehr. Ein Freund hatte mich mit der Theorie zu trösten versucht, dass es doch besser wäre, so aus dem Spiel heraus auszuscheiden, als wieder mit Dusel und unverdient im Elfmeterschießen weiter zu kommen. Ich konnte damit nichts anfangen. Als Fußballfan sehe ich die Sache ein wenig naiver, weniger intellektuell.
Wie auch immer. Ein paar Wolken hatten sich ans Firmament getraut, machten die Sache aber auch nicht besser. Wenigstens die Döner-Lady sollten wir heute nicht zu Gesicht bekommen. Ihr Geschäft gestern schien dann doch zufriedenstellend verlaufen zu sein. Auf der Großen Bergstraße war es still. Ich sah uns als Teil einer überlangen Einstellung eines Wim Wenders Films aus den 70ern, der irgendwo in einer Kleinstadt im Mittleren Westen der USA spielt. Ein paar Cowboys hatten sich vor dem Saloon "Café Venezia" niedergelassen, wir errichteten unsere Wagenburg. Heute war also Zeit für das zweite Halbfinale Portugal - Frankreich. Meine Sympathien und die der meisten Anderen hier waren klar auf die Franzosen verteilt. Sie waren ein stolzes Team mit großen Namen und ich gönnte Zidane einen gelungenen Abschied im WM-Finale. Der Großteil der Mädchen hielten zu Portugal, sie standen auf Christiano Ronaldo und - natürlich Figo. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, aber da sind die Prioritäten eben anders verteilt.
Kurz vor dem Anpfiff waren wider Erwarten fast genau so viele Menschen da, wie gestern beim Deutschlandspiel, beinahe die selben Gesichter. Und wie gestern versammelten sie sich zunächst vor unserem krank gewordenen Kühlschrank, der jetzt, so mein Eindruck, die Getränke nicht nur nicht kühlte, sondern sogar erwärmte, wenn das überhaupt noch ging. Wieder hatten wir ein Fest für die umliegenden Kioske eröffnet.
21:00
Anstoß. Die Portugiesen, denen ich hier übrigens nichts zutraute, gaben klar den Ton an. Sie wollten ein frühes Tor. Dagegen waren die Franzosen fast ausschließlich aufs Zerstören aus. Maniche schoss mal wieder aus allen Lagen. In dem Zusammenhang fällt mir ein Spruch ein, den ein Freund aus einem Erfurter Biergarten nach Hamburg getragen hatte. Nach einem Fehlschuss Maniches rief ein angetrunkender Fan: "Hey, mach`das ma` nich!"
Ein gelungener Kalauer, wie ich finde, und er hatte sich während des Spiels wie ein Ohrwurm in mein Gehirn gegraben.
Und dann, bei aller Liebe, die unverdiente Führung: Henry war im Strafraum gefoult worden. Natürlich tritt Zidane zum Punkt und trifft, Chefsache!
Ich strecke kurz die Faust nach oben, die beiden Figo-Anhängerinnen links und rechts neben mir schauen etwas missmutig. Ab jetzt hoffe ich auf den Ausgleich Portugals. Das Spiel ist so langweilig, eine Verlängerung würde wenigstens etwas für Spannung sorgen. Beim Spiel Schweiz - Ukraine gab es ja auch zum großen Glück noch ein Elfmeterschießen, sonst hätte es beim Titel "schlechtestes Spiel aller Zeiten" den Klassiker Deutschland - Österreich aus dem Jahre 1982 vom ersten Platz verdrängt. So wurde es nur zweitschlechtestes Spiel. Dieses hier war wohl das drittschlechteste.
22:00
Die zweite Hälfte beginnt. Die Franzosen wollen nicht mehr, die Portugiesen können wahrscheinlich nicht mehr. Das Spiel ist so öde, dass jetzt Sekundärthemen besprochen werden. Der Typ hinter mir ereifert sich geschlagene 45 Minuten darüber, dass bei den Franzosen Barthez im Tor steht und nicht Coupet. Viele vermuten, dass Barthez nur spielt, weil er der Intimfreund von Zinedine Zidane ist. Wie auch immer, er hat ja recht, allerdings kann die ständige Demonstration von Wissen auch anstrengend sein. Das alles geschah auch stets mit einem kleinen Seitenblick zu den Portugal-Anhängerinnen. Denen war das Schnuppe, Portugal war auf dem besten Wege, sich aus dem Turnier zu verabschieden. Ich tröstete sie, ganz so wäre es doch auch nicht. Sie hätten doch sowieso noch ein Spiel, spielen eben am Samstag und nicht am Sonntag und sogar noch eine Stunde später. Was auch immer das heißen soll...
Kurzum: gähnende Franzosenfreunde und enttäuschte Portugalfans, denen das alles am Ende eigentlich auch egal war, gaben sich gegen 23 Uhr einen Ruck und verließen die Kissen. Wir haben das alles der Vollständigkeit halber zur Kenntnis genommen, unser Spiel war gestern. Wir werden Dritter. Auf nach Veddel!
Wir melden uns wieder.
2006.06.13, 18:35
by peter folk
about: tagebuch
Steilshoop, 11. Juni 2006 "Kommt ihr morgen wieder?"
Fußball-Weltmeisterschaft Tag 3, Steilshoop, Schreyerring
Gruppe C:
Serbien/Montenegro - Niederlande 0:1
Gruppe D:
Mexiko - Iran 3:1
Angola - Portugal 0:1

Etwas war passiert über Nacht. Die Kunde vom öffentlichen Wohnzimmer hatte sich verbreitet. Punkt 15 Uhr saßen Bewohner aller Generationen vereint vor den Fernsehern. Es war richtig voll.
Wir hatten den Tag wieder ruhig angehen lassen und beinahe den Anstoß verpasst. Denn es war wirklich etwas passiert. In unserem nächtlichen Tran des Vorabends hatten wir die Wohnzimmer-Utensilien in einen vermeintlich sicheren Lagerraum gestellt, um am nächsten Tag festzustellen, dass dieser ein allgemein zugänglicher Fahrradkeller war. Als wir ankamen, standen ein paar Sofas auf der Straße, die Hälfte der begehrten SAGA-Handtücher war weg und was das Schlimmste war: die Batteriern aus der DigiBox-Fernbedienung. So verliefen die ersten Minuten ohne Ton. Die technischen Geräte von heute sind dummerweise nur noch mit Fernbedienung zu benutzen. Ein freundlicher Kollege der" Chance" lieh uns zwei Batterien und ab Minute 10 konnte es mit Kommentar weitergehen. Es stand noch 0:0. Gott sei Dank!
15:15 Die Holländer machen gleich Druck, zeigen, dass sie zu den Mitfavoriten zählen wollen. Serbien ist ja mein Geheimtip. Diese kampfstarken Mannschaften aus dem Balkan sind nie zu unterschätzen. Fast alle Nationalspieler sind bei großen europäischen Teams angestellt.
Doch die Ex-Jugoslawen wirken ängstlich, beeindruckt vom forschen Auftritt der Holländer. Und das wird prompt bestraft. Der überragende Robben trifft schnell zum 1:0 und ist überhaupt mit Abstand der beste Mann auf dem Platz. Am Jubel merke ich, der Großteil ist für Holland, auch die beiden jungen Männer mit Serbien/Montenegro-Shirts spenden dem Torschützen Beifall. Hier ist echter fairer Sportsgeist angesagt.
Das Wohnzimmer ist jetzt so gut gefüllt wie noch nie, auch Melvin, Dominik und Ricardo kommen vorbei. Doch heute ist Hans nicht gekommen, Ricardo geht traurig weiter und wird an diesem Abend nicht mehr auftauchen. Hans hat wirklich Eindruck hinterlassen.
18 Uhr Anstoß Mexiko - Iran.
Das erste Spiel war dann doch nicht so der Knaller in der zweiten Halbzeit. Und man muss sagen, bei allen Spielen, bis auf das Eröffnungsspiel fiel die zweite Halbzeit stark gegen die erste ab. Vielleicht ist die Hitze dran Schuld. Wir sitzen im Schatten unter den Bäumen in kühlen Ledersofas und haben gut reden.
18:15 Ein Mann mit Weinglas setzt sich zu uns. "Ich habe keine Lust, oben alleine zu gucken." Ziel erreicht, denke ich. So macht die Sache wirklich Sinn. Nicht alleine da oben bleiben, hier unten schauen, gemeinsam mit den Anderen.
18:30 Das bestätigt auch ein Herr, der offensichtlich Anhänger der Mexikaner ist. Er findet es schön, dass er ins Gespräch mit uns kommt. Das Thema fällt schnell auf die Teilung Jugoslawiens. Ich bin überrascht über seine Toleranz, nach all den Schrecken, die hinter dem ehemaligen Jugoslawien liegen. "Jeder hat sich dafür entschieden, ein eigener Staat zu sein. Das muss man akzeptieren." Ich habe da schon ganz andere Töne gehört. Auch er hat für Holland geklatscht, obwohl es ihn ärgert, dass Serbien nun nur noch geringe Chancen auf das Achtelfinale hat.
18:45 Halbzeit Mexiko - Iran. Es steht 1:1. Die Iraner überraschen.Sie haben aber auch ein gute Offensive: Hashemian von Hannover 96, Mahdavikia vom HSV, vorne der Routinier Ali Daei, früher Bayern. Sie machen sehr viel Dampf, doch in der zeiten Halbzeit werden die Kräfte schwinden.
19:45 Mexiko siegt 3:1. Iran ist doch noch eingebrochen. Doch man muss sagen, die Mexikaner haben nicht ihre Geheimfavoritenrolle bestätigt. Zu ausrechenbar ihr Spiel, die Last ist auf die Stars wie Marques und Borgetti verteilt. Schaltet man einen der beiden aus, bekommen die Mexikaner Probleme. Nun ja, es war das erste Spiel, eigentlich sahen alle Favoriten nicht so gut aus.
20:00 Wir schalten erstmals auf KiKa. Aber da läuft nichts gescheites mehr. Wir zappen zu den ersten Szenen des Tatorts und auch die letzten Kinder verschwinden.
Das letzte Spiel Angola - Portugal (und gleichzeitig das schwächste bis hierher) erleben wir mehr oder eniger unter uns. Es ist ja auch Sonntag und morgen ist wieder Schule und Arbeit angesagt.
"Kommt ihr morgen wieder?" lautet die Frage zum Abschied. "Nein, leider nicht." "Ihr müsst unbedingt das Finale hier zeigen!" Diese Aufforderung haben wir auch schon in Mümmelmannsberg gehört. Wir werden da wohl noch einige enttäuschte Gesichter hinterlassen.
Am Mittwoch gehts weiter in Langenhorn. Dann spielt auch Deutschland wieder.
Danke an all die netten Anwohner und Besucher, an das Stadtteilcafé, die Alraune-Geselschaft mit Frau Lafferentz und Frau Gertzen, an die freundlichen Männer in der Chance-Loge, vor allem an den Kollegen, der dort seinen Sonntag für uns geopfert hat.
Bis zum nächsten Mal
Gruppe C:
Serbien/Montenegro - Niederlande 0:1
Gruppe D:
Mexiko - Iran 3:1
Angola - Portugal 0:1

Etwas war passiert über Nacht. Die Kunde vom öffentlichen Wohnzimmer hatte sich verbreitet. Punkt 15 Uhr saßen Bewohner aller Generationen vereint vor den Fernsehern. Es war richtig voll.
Wir hatten den Tag wieder ruhig angehen lassen und beinahe den Anstoß verpasst. Denn es war wirklich etwas passiert. In unserem nächtlichen Tran des Vorabends hatten wir die Wohnzimmer-Utensilien in einen vermeintlich sicheren Lagerraum gestellt, um am nächsten Tag festzustellen, dass dieser ein allgemein zugänglicher Fahrradkeller war. Als wir ankamen, standen ein paar Sofas auf der Straße, die Hälfte der begehrten SAGA-Handtücher war weg und was das Schlimmste war: die Batteriern aus der DigiBox-Fernbedienung. So verliefen die ersten Minuten ohne Ton. Die technischen Geräte von heute sind dummerweise nur noch mit Fernbedienung zu benutzen. Ein freundlicher Kollege der" Chance" lieh uns zwei Batterien und ab Minute 10 konnte es mit Kommentar weitergehen. Es stand noch 0:0. Gott sei Dank!
15:15 Die Holländer machen gleich Druck, zeigen, dass sie zu den Mitfavoriten zählen wollen. Serbien ist ja mein Geheimtip. Diese kampfstarken Mannschaften aus dem Balkan sind nie zu unterschätzen. Fast alle Nationalspieler sind bei großen europäischen Teams angestellt.
Doch die Ex-Jugoslawen wirken ängstlich, beeindruckt vom forschen Auftritt der Holländer. Und das wird prompt bestraft. Der überragende Robben trifft schnell zum 1:0 und ist überhaupt mit Abstand der beste Mann auf dem Platz. Am Jubel merke ich, der Großteil ist für Holland, auch die beiden jungen Männer mit Serbien/Montenegro-Shirts spenden dem Torschützen Beifall. Hier ist echter fairer Sportsgeist angesagt.
Das Wohnzimmer ist jetzt so gut gefüllt wie noch nie, auch Melvin, Dominik und Ricardo kommen vorbei. Doch heute ist Hans nicht gekommen, Ricardo geht traurig weiter und wird an diesem Abend nicht mehr auftauchen. Hans hat wirklich Eindruck hinterlassen.
18 Uhr Anstoß Mexiko - Iran.
Das erste Spiel war dann doch nicht so der Knaller in der zweiten Halbzeit. Und man muss sagen, bei allen Spielen, bis auf das Eröffnungsspiel fiel die zweite Halbzeit stark gegen die erste ab. Vielleicht ist die Hitze dran Schuld. Wir sitzen im Schatten unter den Bäumen in kühlen Ledersofas und haben gut reden.
18:15 Ein Mann mit Weinglas setzt sich zu uns. "Ich habe keine Lust, oben alleine zu gucken." Ziel erreicht, denke ich. So macht die Sache wirklich Sinn. Nicht alleine da oben bleiben, hier unten schauen, gemeinsam mit den Anderen.
18:30 Das bestätigt auch ein Herr, der offensichtlich Anhänger der Mexikaner ist. Er findet es schön, dass er ins Gespräch mit uns kommt. Das Thema fällt schnell auf die Teilung Jugoslawiens. Ich bin überrascht über seine Toleranz, nach all den Schrecken, die hinter dem ehemaligen Jugoslawien liegen. "Jeder hat sich dafür entschieden, ein eigener Staat zu sein. Das muss man akzeptieren." Ich habe da schon ganz andere Töne gehört. Auch er hat für Holland geklatscht, obwohl es ihn ärgert, dass Serbien nun nur noch geringe Chancen auf das Achtelfinale hat.
18:45 Halbzeit Mexiko - Iran. Es steht 1:1. Die Iraner überraschen.Sie haben aber auch ein gute Offensive: Hashemian von Hannover 96, Mahdavikia vom HSV, vorne der Routinier Ali Daei, früher Bayern. Sie machen sehr viel Dampf, doch in der zeiten Halbzeit werden die Kräfte schwinden.
19:45 Mexiko siegt 3:1. Iran ist doch noch eingebrochen. Doch man muss sagen, die Mexikaner haben nicht ihre Geheimfavoritenrolle bestätigt. Zu ausrechenbar ihr Spiel, die Last ist auf die Stars wie Marques und Borgetti verteilt. Schaltet man einen der beiden aus, bekommen die Mexikaner Probleme. Nun ja, es war das erste Spiel, eigentlich sahen alle Favoriten nicht so gut aus.
20:00 Wir schalten erstmals auf KiKa. Aber da läuft nichts gescheites mehr. Wir zappen zu den ersten Szenen des Tatorts und auch die letzten Kinder verschwinden.
Das letzte Spiel Angola - Portugal (und gleichzeitig das schwächste bis hierher) erleben wir mehr oder eniger unter uns. Es ist ja auch Sonntag und morgen ist wieder Schule und Arbeit angesagt.
"Kommt ihr morgen wieder?" lautet die Frage zum Abschied. "Nein, leider nicht." "Ihr müsst unbedingt das Finale hier zeigen!" Diese Aufforderung haben wir auch schon in Mümmelmannsberg gehört. Wir werden da wohl noch einige enttäuschte Gesichter hinterlassen.
Am Mittwoch gehts weiter in Langenhorn. Dann spielt auch Deutschland wieder.
Danke an all die netten Anwohner und Besucher, an das Stadtteilcafé, die Alraune-Geselschaft mit Frau Lafferentz und Frau Gertzen, an die freundlichen Männer in der Chance-Loge, vor allem an den Kollegen, der dort seinen Sonntag für uns geopfert hat.
Bis zum nächsten Mal
2006.06.01, 22:18
#7 The Odd-Wurst-In-Between-Feeling…
Ich sitz in einem Zimmer, das mir nicht gehört. Ich sitz an einem Schreibtisch, zu dem ich keine Beziehung hab. Nicht das mir das wichtig wär. Zu Ethernetkabeln beispielsweise hab ich nie eine Bezieheung aufbauen können - brauchte sie auch nie. Blick auf die Uhr: Ich bin seit 3 Wochen hier, sprech die Sprache (noch) nicht, versteh das Fernsehen nicht, versteh die Magazine hier nicht (!). Die Strassenschilder sagen mir kaum was, gestern grillten wir und wurden von der Polizei durch einen Fingerzeig auf eine bedruckte Metallplatte auf das Grillverbot aufmerksam gemacht - ich hab Schild nix versteh! Ich dachte ich müsste meine Wurst wieder mitnehmen, durfte aber mit nem Augenzwinkern weitergrillen. Ich hab kein Problem. Ich unterhalt mich auch eigentlich gut mit den Menschen. Kein Problem. Es schmeckt nur gerade halbgar. Wie eine finnische Makkara, die eigentlich nur Finnen wirklich lieben können und bei der man merkt, dass diese Wurst noch nicht wirklich die eigene Wurst ist. Vielleicht weil man sie noch nicht versteht. Ihr Geschmack, ihre Konsistenz. Vielleicht hat man bisher auch keine Beziehung aufbauen können - ich kann mich in meiner Kindheit an keine einzelne finnische Fleischzubereitung erinnern. Richtig scheisse ist sie ja keineswegs! Schliesslich ist es eine gute Wurst. Sie wird von vielen hier gern gegessen und ich will sie ja auch kennenlernen. Ich werde mich mit Fisch vortasten. Ich hab im hiesigen Lidl n grosses Glas in Senf eingelegten Fisch gekauft. Noch keine Makkara, aber nah dran. Ganz nah.
2006.06.28, 20:53
by peter folk
about: tagebuch
Kirchdorf-Süd, Samstag, 24. Juni 2006 "Wieso kommt ihr ausgerechnet hierher?"
Achtelfinale
Deutschland - Schweden 2:0 (2:0)
Argentinien - Mexiko 2:1 (1:1, 1:1) n.V.

(Zitat: Stefan Willeke, Die Zeit, 17/2005)"In Wilhelmsburg fliegt alles aus dem Fenster und landet auf dem Rasen, in Büschen, auf Gehwegen. Pausenlos werfen Leute Zigarettenkippen herunter, leere Schachteln, Plastikflaschen, Müllbeutel, und meist sei nicht zu erkennen, wer das tue, es komme ja alles von so weit oben. Immer wieder warf jemand benutzte Babywindeln herunter, und einmal wurde ein Passant getroffen. Einmal flog ein ausrangierter Kühlschrank aus dem zwölften Stock, dann ein Einkaufswagen aus dem dreizehnten. Einmal wühlte ein Sozialarbeiter verärgert in einer heruntergeworfenen Mülltüte und fingerte einen Umschlag mit einer genauen Adresse heraus. »Ich gehe zu deinem Vater«, sagte er, als ein Junge öffnete. Aber so etwas ändert nie viel. »Dieses Viertel ist ein Verbrechen«, sagt Essmann."
(Stefan Willeke, Die Zeit, 17/2005)
Drei Tage vor unserem Tourtermin in Kirchdorf-Süd bekam ich diesen Artikel zugeschickt und mich überfiel ein schlechtes Gefühl. Der von uns ausgesuchte Platz würde direkt vor dem Eingang eines Kirchdorfer Hochhauses stehen. Wenn wahr wäre, was in diesem Artikel steht, würden wir das Wochenende hier nicht überleben. Den Schlag eines Kühlschranks, der sich bei einem Wurf aus dem zwölften Stock durch die Erdanziehung extrem beschleunigt hätte, würde kein Kopf dieser Welt aushalten, nicht mal den von Rocky. Bei Flaschen und Einkaufswagen gäbe es einen ähnlichen Effekt. Windeln würden eine riesige Sauerei veranstalten, das ginge ja noch. Die beiden Exemplare in Lokstedt waren beim Aufprall wenigstens nicht aufgeplatzt.
Dem spontanen Impuls, die Sache sofort abzublasen, folgte der Trotz. ?Wir gehen da hin wo es weh tut!? Schließlich sind wir bei einer Weltmeisterschaft. Und wenn es eine Wohnzimmer WM ist.
Laut Karte schienen wir uns auf eine ewig lange Fahrt einrichten zu müssen, doch zu unserer Überraschung waren wir nach 15 Minuten da. Die Sonne schien, Felder und Pferdekoppeln rasten an uns vorbei, ein idyllischer Güllegeruch lag über dem Land, alles sehr dörflich hier. Ein beruhigendes Gefühl durchzog meinen Körper. Aber wollten wir nicht in ein Wohngebiet? Außer Feldern und Bauernhöfen war lange nichts zu sehen. Dann, hinter einem grünen Gürtel aus Wald und Wiesen tauchten sie auf, die Wohngeschosse.
Ein paar Minuten später überquerte ich eine kleine Brücke vom Parkplatz zum Erlerring 10, unserer nächsten Station. Ich habe mich gar nicht erkundigt, ob die kleinen Flüsse hier mitten im Wohngebiet künstlich angelegt worden waren oder einfach integriert wurden ins Hochhausensemble. Alles wirkte auf den ersten Blick sehr sauber, keine Kippen, kein zerfledertes Mobiliar.
Das Büro der beiden ProQuartiermitarbeiter Björn und Matthias lag auf der anderen Seite des Blocks. Als ich den Durchgang passierte und das Büro im Erdgeschoss erblickte, wirkte das nicht sehr einladend. Alles sehr Dunkel, die Pflastersteine fleckig. Ich wollte nicht wissen, woher die Flecken kamen. Einen Arbeitsplatz hier wünscht man sich nicht so gerne, da muss schon eine gehörige Portion Idealismus dahinter stecken. Es öffnete Björn, der sich als extrem hilfsbereit und engagiert erwies. Er war in den folgenden drei Tagen an unserer Seite.
Als wir den Wagen aufschlossen, um die Möbel herauszuholen, waren wir schon umzingelt von Kindern und Nachbarn, die den Eindruck erweckten, sie hätten ein Leben lang auf uns gewartet. Die totale Begeisterung. Wir waren doch gar nicht die Nationalspieler, die kommen erst in einer Stunde und auch nur im Fernsehen. Eifrige Kinderhände hatten das Wohnzimmer innerhalb von zehn Minuten aufgebaut. Achtjährige Mädchen trugen unseren Kühlschrank. ?Alles andere ist uns zu leicht.? Bitte schön, sollen sie haben. Ohne einen Sessel angefasst zu haben, schaltete ich die Fernseher an. Hier lief bereits die Vorberichterstattung, das Wohnzimmer proppenvoll. Ich hatte feuchtkalte Hände, die pure Angst. Sollte Deutschland heute gegen Schweden ausscheiden war alles umsonst: die Begeisterung, 2 Jahre quälende Vorbereitung, die investierten Emotionen und, ja auch dieses Wohnzimmer irgendwie. Nein, so weit sollte es auf keinen Fall kommen.
17:00
Anpfiff. Wir haben eine gute Mannschaft beisammen: Björn, der Sozialarbeiter vor Ort, Till, unseren Praktikanten, den nach 2 Wochen WM nichts mehr schocken kann, den SAGA-Logenwärter, ein bulliger Typ, die Statur eines Ronaldo, dessen tiefes, messerscharfes Organ die Kinder noch ruhig hielt. Außerdem ist Mirko, unser podcaster (d.h. er produziert unsere Filme für das Internet) dabei, dessen beruhigende Art hier sehr gut ankommt. Später kommen noch Bert und Anita, sie waren schon in Mümmelmannsberg zu Gast. Sie geben Sicherheit in der Defensive. So kann ich mich voll auf das Spiel konzentrieren. Bei Anpfiff habe ich einen Tunnelblick aufgesetzt. Fragen der Kinder oder Beschwerden über Schuhe auf dem Leder perlen an mir ab. In den folgenden 90 Minuten sollte ich nichts mehr mitbekommen, nicht die Panini-Tauschbörsen, nicht die Hierarchiekämpfe der Kinder auf den Sofas, nicht die verwunderten Blicke von den Balkons, nicht die Gruppe Jugendlicher, die in sicherer Entfernung das Geschehen betrachtete. Ein Junge fragt noch: Wieso kommt ihr denn hierher? Na, einfach so. Aber wieso hier nach Kirchdorf?? Seine Frage hat nichts mit Neugier und Informationswillen zu tun. Sie ist ungläubig gestellt, als würde er es nicht fassen können, dass jemand aus der Stadt hier freiwillig länger als 5 Sekunden verweilen würde. Alle sind noch etwas skeptisch. Keiner macht doch irgendetwas so ganz selbstlos für die Leute hier in Kirchdorf. In der Tat, der erste Eindruck vor Ort gibt Klischees und Vorurteilen großen Raum. Davon eingenommen war sicher auch der besagte Zeit-Reporter Sefan Willeke, als er für sein Dossier mal einen Nachmittag hierher fuhr. Sich vom sicheren Schreibtisch im Szeneviertel aufzuschwingen und dann angewidert das Viertel schlecht zu schreiben, ist leicht. Wir sollten aber drei Tage bleiben und etwas genauer hinter die Kulissen schauen. Jedenfalls flog uns bisher nichts um die Ohren und um es vorweg zu nehmen, in den gesamten drei Tagen hier habe ich außer Knallern nach deutschen Toren nichts aus den Fenstern segeln sehen.
15:04
Die deutsche Mannschaft total entfesselt, ich sitze verkrampft und kaue auf meinen Lippen. Dann Traumkombination Ballack-Klose, Klose scheitert am besten Schweden, Torwart Isaaksson. Der Ball springt zu Podolski, der zieht ab. Ein Schwede versucht noch den Kopf dazwischen zu kriegen. Keine Chance. TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! 1:0 für Deutschland. Schon jetzt nach vier Minuten. Ich springe auf, genau wie die anderen ca. 40 Leute bei uns im Wohnzimmer. Ich sehe den roten Kopf des Logenpförtners, um gleich wieder die Zeitlupe aufzusaugen. Poldi, ausgerechnet Poldi, der diesmal ?mehr aus dem Laufen heraus? kam, wie von Klose gefordert.
15:07
Wieder Poldi. Schuss aus 17 Metern. Mensch, ist der Junge aufgedreht. Ich erwische mich selbst beim Schreien. Jetzt ist mir alles egal, was um mich passiert.

Die Schweden werden an ihren Strafraum genagelt. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert. Sie wirken wie Halbwüchsige, die ohne Ausbildung an die Front geschickt werden. Ich denke an die Schlacht am Little Big Horn. Als die weißen Kolonialisten von den Indianern unter der Führung von Sitting Bull hilflos niedergemetzelt wurden. Umzingelt, überfordert, gemartert. Es soll damals nur einen Überlebenden gegeben haben, der schwer verletzt das Heim erreichte. Hier und heute sollte dieser Überlebende Torwart Isaaksson sein, der als einziger Schwede eine Weltklassepartie bot, schon bezeichnend für den Spielverlauf.
15:12
Unser Sitting Bull ist heute Miroslav Klose, der beste Spieler des Turniers. Klose zieht an der Strafraumlinie an drei Schweden vorbei, sieht im Gewimmel sogar noch den Poldi lauern, legt ab, Podolski schießt mit Vollspann: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Nach 12 Minuten schon 2:0. Wahnsinn. Das Wohnzimmer brodelt. Selbst die kleinen Argentinien-Anhänger neben mir sind starr vor Schreck. Um uns zündeln die Knaller, die Fahnen werden auf den Balkons geschwenkt. Abermals kann ich die Wiederholung nicht oft genug sehen. Ich werde jetzt viel ruhiger. Was kann da noch passieren? Los Jungs, jetzt noch zwei Tore vor der Halbzeitpause. Und schon geht es weiter. Bereits im Mittelfeld verlieren die Schweden immer wieder den Ball und dann läuft sie heiß, die deutsche Offensiv-Maschine. Beinahe jeder Angriff der Deutschen ist brandgefährlich. So was habe ich noch nie gesehen, nicht mal 1990 im Weltmeisterjahr. Vielleicht waren die Holländer in ihren besten Zeiten zu so etwas fähig. Ballack prüft Isaaksson. 9 oder 10 Schüsse sollte Ballack insgesamt abgeben in diesem Spiel, allein ein Erfolgserlebnis blieb ihm verwehrt. Es folgten Gewaltschüsse von Schneider und Schweinsteiger (der sogar an den Pfosten). Isaaksson lenkt einen Frings-Schuss über die Latte. Immer wieder der schwedische Schlussmann, der Pfosten oder knapp vorbei. Den Schweden stand das Wasser bis zum Hals. Irgendwie waren sie schon auf dem Weg zum Flughafen. Nur schnell weg hier! Dann auch noch Rot für Lucic in der 35. Minute. Der Untergang der Schweden schien besiegelt. Dann aber noch mal Ibrahimovic in der 40. mit einem gefährlichen Drehschuss. Es folgte die wahrscheinlich erste Lehmann-Parade des Turniers. Sie wirkte, zugegebenermaßen etwas unkonventionell. Aber gehalten.
15:45
Halbzeit. Mein Herz klopft, ich bin völlig fertig, aber auch glücklich. Was war das gerade bitteschön? War das die deutsche Nationalmannschaft? Zum ersten Mal seit 45 Minuten schaue ich mich um. Alle starren andächtig auf den TV-Kasten. Selbst die sonst so hyperaktiven Jungs sind leicht geplättet. Die Panini-Bilder steigen schlagartig im Preis. Jetzt musste man für Frings schon mindestens drei Südkoreaner hinlegen, und einen Ukrainer, und sogar einen Spanier. Das Mannschaftsbild von Saudi-Arabien, das gab´s dann dazu.
15:50
?Argentinien gewinnt gegen Deutschland im Viertelfinale?, sagt mein Nebenmann, ein ca. 8jähriger Junge. Dabei mussten die noch gegen Mexiko spielen. Sehr optimistisch. Ich bin überrascht über den Fußball-Sachverstand auch der Jüngsten hier. Sie wissen genau, wie alt jeder Spieler ist, wo er spielt, ob er wechseln wird und bei welchem Verein er noch vor drei Jahren unter Vertrag gestanden hat. Ja,ja, diese Panini-Bildchen. Alle Informationen drauf, die ein Halbwüchsiger braucht.
16:00
Anstoß zweite Halbzeit. Deutschland zunächst wieder dominant. Doch dann eine tollpatschige Aktion von Metzelder. Er stößt Larsson im Strafraum um. Elfmeter. Nie und nimmer berechtigt, aber da kann man nichts machen. Die bekannteste aller Fußballweisheiten besagt, dass der Gefoulte nie selbst schießen sollte. Larsson hält nichts von Weisheiten und jagt den Ball in den Münchner Himmel. Lehmann hat sich keinen Zentimeter bewegt. JAAAAAAA! Der Hauswart schreit am lautesten. Mir zittern die Knochen. Was für ein Glück. Das hätte noch gefährlich werden können. Aber jetzt spricht alles gegen Schweden. Außer ihr Torwart. Er lenkt in der 52. Minute einen Schuss von Ballack an den Pfosten.
Danach ließen es die Klinsmann-Elf etwas langsamer angehen. Viel weniger Bewegung auf dem Platz, mehr Fehlpässe, die Handbremse war angezogen. Schweden jetzt etwas stärker, aber nie wirklich in der Lage, hier noch irgendetwas auszurichten. Schneider traf noch mal die Latte. Schlusspfiff. Sieg. Viertelfinale. Der Aufschrei am Schluss ist nicht mehr so exstatisch. Zu lange stand der Sieg schon fest. Gleich wissen wir unseren Viertelfinalgegner.
Das Wohnzimmer entspannt sich ein wenig. Die Beine werden ausgeschüttelt. Ich puste durch. Allgemeines Abklatschen. Bis jetzt fühlten wir uns sauwohl in Kirchdorf-Süd. Dafür hatte unsere Elf gesorgt. Ja, ja, wenn sie gewinnen, ist die Stimmung gut.
Wo waren eigentlich die Crack-rauchenden Jugendlichen, von denen im Zeit-Artikel die Rede war? Hier müsste doch alles voll sein davon. Nichts. Die Einzigen, die rauchen, sind wir. Wenn Deutschland spielt, hänge ich am Glimmstengel wie die Jungs bei 50 Grad auf dem Platz an den Wasserflaschen. Nicht einmal ein Hundeschiss war zu sehen. War das alles ein Bluff, ein gigantisches Täuschungsmanöver, weil die Jungs von der Wohnzimmer-WM da waren?
Björn bietet uns an, mit ihm in den 12.Stock hinauf zu fahren und das Viertel mal von oben zu betrachten. Wir nehmen das Angebot gerne an. Hier oben kommen wir auch ein wenig auf die Probleme in Kirchdorf-Süd zu sprechen. ?Es ist schwierig, die Leute hier aus ihren Wohnungen zu holen. Wir versuchen das mit vielen Aktionen, aber es braucht Geduld und manche erreicht man nie. Da sollte man sich keine Illusionen machen.? Diese Tatsache mussten wir bisher in allen Wohngebieten machen, zum Teil ist es Trägheit, zum Teil vielleicht auch ein wenig Angst. Die meisten wollen einfach ihre Ruhe und sind froh, in ihren Wohnungen zu sein. ?Und was ist jetzt mit den fliegenden Kühlschränken und Einkaufswagen??, frage ich ihn. ?Ja, das hat es vor ein paar Jahren einmal gegeben, aber das jetzt als bezeichnend für das Viertel zu beschreiben ist schlichtweg gelogen.? Von hier oben wirkt alles friedlich. Die Kinder spielen auf dem Bolzplatz, ein paar Muttis sind mit ihren Kinderwagen unterwegs, da scheint doch die demokratische Idee dieses Siedlungskonzept zu greifen. In sicherer Entfernung, hinter einem grünen Gürtel erscheinen die Einfamilienhäuser. Man kann sich durchaus vorstellen, dass diese mit dem Neubaukonzept vor ihrer Haustür nicht so recht einverstanden sind. ?Zwischen diesen beiden Welten gibt es keine Berührungspunkte. Das sind zwei völlig unterschiedliche Schichten.? Natürlich trügt der Schein hier auch ein wenig. ?Das hier ist natürlich kein gutes Wohnkonzept, da wollen wir uns nichts vormachen?, sagt Björn. ?Aber warum sollten wir die Leute sich selbst überlassen. Es lohnt sich absolut hier zu arbeiten.? Ich erinnere mich, dass mich die im Artikel beschriebene Abscheu hier auch im ersten Moment erfasst hat. Aber es gibt nicht nur gute oder nur schlechte Wohnviertel. Als ich am Abend über den Kiez und die Reeperbahn laufe, kommen wir Bäche von Urin und Erbrochenem entgegen. Der Gestank war dementsprechend. Crack-rauchende Jugendliche gibt es sicherlich auch zuhauf in St. Georg oder Eimsbüttel. Der Finger des Bildungsbürgers auf das angeblich verrottete Viertel ist absolut nicht angebracht und zeugt von Unwissen und einem erheblichen Maß an Vorurteilen und Verklemmtheit. Damit wir uns richtig verstehen: ich möchte hier auch nicht wohnen, maße mir aber nicht an, hier irgendetwas abzuqualifizieren. Ach ja und von Ratten war die Rede. Laufen die nicht überall in Hamburg rum? Sie haben sich bestimmt nicht exklusiv in Kirchdorf versammelt.
20:55
Kurz vor Anstoß Argentinien ? Mexiko. Das Gerangel um die Plätze beginnt. Ich beobachte dabei ein interessantes Phänomen. Unter den Kindern und Jugendlichen scheint es eine unsichtbare und allgemeine Hierarchie zu geben: Kommt ein älterer zum Sofa, das schon besetzt ist von einem jüngeren, so zieht er ihn am Arm hoch, gibt ihn noch einen Schubs ins irgendwo und setzt sich hin. Der Verstoßene wiederholt den Vorgang beim nächst Jüngeren. Dieser Vorgang wird klaglos hingenommen, unausgesprochene Gesetze scheinen das hier zu sein. Mir ist das an allen Stationen bisher aufgefallen. Beim Vertilgen von Chipstüten oder Erdnussboxen beobachten wir einen identischen Vorgang. So entwickelte sich ein ständiges stetes Wechselspiel, das sich durch alle Tage zog und ein wenig an die ?Reise nach Jerusalem? erinnerte. Lustig wurde es, als in der zweiten Halbzeit eine Gruppe 17jähriger anrückte und mit ein paar Handgriffen die Sofas ?säuberte?, um sich schließlich für 5 Minuten dazu zu setzen. Machtdemonstration und Gepose nenne ich das.
21:06
Die Mexikaner, denen ich eigentlich nicht viel zugetraut hatte, machen ganz schon Betrieb. Die Argentinier sind geschockt. Und nach 6 Minuten klingelt es im argentinischen Kasten. Pardo rutscht fünf Meter vor dem Tor in einen von Mendez verlängerten Freistoß und knallt den Ball unter die Latte. Keine Chance für den Torwart. Entsetzen in de Runde. Die kleinen Argentinien-Fans sind mucksmäuschenstill und zerknittern ihre Panini-Bildchen in den zur Faust geballten Händen. Ich freue mich lautstark. Erstens habe ich mich gerade dabei erwischt, dass ich zu Mexiko halte und, ich gebe es zu, ein bisschen Schadenfreude ist auch dabei.
21:10
Ausgleich Argentinien: Schade. Jetzt schon. Ausgerechnet Torjäger Borgetti mit dem Eigentor. Hinter ihm wäre Crespo einschussbereit gewesen. Jetzt fliegen natürlich die Arme hoch. Ich gehe in Deckung.
Das Spiel ist flott. Die erste Halbzeit sollte eine der besseren dieser WM werden.
Ich sitze im Kinderblock. Hier wird es immer unruhiger. Ständig dieselben Spiele: Älterer zieht jüngeren hoch, Jüngerer zieht noch Jüngeren hoch. Ich sitze als einziger ?Erwachsener? dazwischen. Der Rest hat sich längst in die Greisenkurve verzogen. ?Guck mal, der hat mir den Platz weggenommen!? Ich muss ein paar Mal schlichten, ziehe dann aber auch um. Sollen sie das doch unter sich ausmachen, ich will Fußball gucken. Aber mein Holzauge blieb wachsam.
21:45
Die erste Halbzeit ist um. Die Mexikaner besser als gedacht. Argentinien wird früh gestört und kommt nicht in sein Spiel. Das wirkt alles etwas zerfahren. Ich wünsche mir Mexiko fürs Viertelfinale, die scheinen leichter zu schlagen zu sein. Ihre Mittel sind begrenzt, sie geben allerdings keinen Ball verloren.
22:00
Anstoß zweite Halbzeit. Das Spiel plätschert jetzt etwas vor sich hin. Ganz im Gegensatz zur Kinderkurve. Dort ist mittlerweile die Hölle los. ?Mein Platz!?, ?Halts Maul!?, ?Hat dein Vater `ne Glatze?? ? Ne.? ? ?Ach dann hab ich deine Mudda auf dem Markt gesehen!? Und so weiter. Ich schalte den Fernseher lauter. Müssen die nicht irgendwann ins Bett? Mein Gerechtigkeitssinn lässt mich noch ein paar Mal einschreiten. Das hilft zumeist nur für Sekunden.
22:45
Das Spiel ist vorbei: 1:1. Verlängerung. Fast alle Kinder sind jetzt verschwunden. Endlich. Konzentration auf die Verlängerung. Das hatten wir uns gewünscht. Spannung. Die ist schnell vorbei. Maxi Rodrigeuz hämmert die Kugel mit einem Traumtor von halbrechter Position in den linken Torwinkel. Keine Chance für Torwart Sanchez. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Mexikaner noch einmal in der Lage waren, zu reagieren. Leider hatte ich damit Recht. Wir hatten uns schon auf das Elfmeterschießen gefreut. Stattdessen Abbau und Heimfahrt. Wir kommen gerne wieder. Schon morgen. Gleicher Ort, gleiche Zeit.
Peter Schütz
Deutschland - Schweden 2:0 (2:0)
Argentinien - Mexiko 2:1 (1:1, 1:1) n.V.

(Zitat: Stefan Willeke, Die Zeit, 17/2005)"In Wilhelmsburg fliegt alles aus dem Fenster und landet auf dem Rasen, in Büschen, auf Gehwegen. Pausenlos werfen Leute Zigarettenkippen herunter, leere Schachteln, Plastikflaschen, Müllbeutel, und meist sei nicht zu erkennen, wer das tue, es komme ja alles von so weit oben. Immer wieder warf jemand benutzte Babywindeln herunter, und einmal wurde ein Passant getroffen. Einmal flog ein ausrangierter Kühlschrank aus dem zwölften Stock, dann ein Einkaufswagen aus dem dreizehnten. Einmal wühlte ein Sozialarbeiter verärgert in einer heruntergeworfenen Mülltüte und fingerte einen Umschlag mit einer genauen Adresse heraus. »Ich gehe zu deinem Vater«, sagte er, als ein Junge öffnete. Aber so etwas ändert nie viel. »Dieses Viertel ist ein Verbrechen«, sagt Essmann."
(Stefan Willeke, Die Zeit, 17/2005)
Drei Tage vor unserem Tourtermin in Kirchdorf-Süd bekam ich diesen Artikel zugeschickt und mich überfiel ein schlechtes Gefühl. Der von uns ausgesuchte Platz würde direkt vor dem Eingang eines Kirchdorfer Hochhauses stehen. Wenn wahr wäre, was in diesem Artikel steht, würden wir das Wochenende hier nicht überleben. Den Schlag eines Kühlschranks, der sich bei einem Wurf aus dem zwölften Stock durch die Erdanziehung extrem beschleunigt hätte, würde kein Kopf dieser Welt aushalten, nicht mal den von Rocky. Bei Flaschen und Einkaufswagen gäbe es einen ähnlichen Effekt. Windeln würden eine riesige Sauerei veranstalten, das ginge ja noch. Die beiden Exemplare in Lokstedt waren beim Aufprall wenigstens nicht aufgeplatzt.
Dem spontanen Impuls, die Sache sofort abzublasen, folgte der Trotz. ?Wir gehen da hin wo es weh tut!? Schließlich sind wir bei einer Weltmeisterschaft. Und wenn es eine Wohnzimmer WM ist.
Laut Karte schienen wir uns auf eine ewig lange Fahrt einrichten zu müssen, doch zu unserer Überraschung waren wir nach 15 Minuten da. Die Sonne schien, Felder und Pferdekoppeln rasten an uns vorbei, ein idyllischer Güllegeruch lag über dem Land, alles sehr dörflich hier. Ein beruhigendes Gefühl durchzog meinen Körper. Aber wollten wir nicht in ein Wohngebiet? Außer Feldern und Bauernhöfen war lange nichts zu sehen. Dann, hinter einem grünen Gürtel aus Wald und Wiesen tauchten sie auf, die Wohngeschosse.
Ein paar Minuten später überquerte ich eine kleine Brücke vom Parkplatz zum Erlerring 10, unserer nächsten Station. Ich habe mich gar nicht erkundigt, ob die kleinen Flüsse hier mitten im Wohngebiet künstlich angelegt worden waren oder einfach integriert wurden ins Hochhausensemble. Alles wirkte auf den ersten Blick sehr sauber, keine Kippen, kein zerfledertes Mobiliar.
Das Büro der beiden ProQuartiermitarbeiter Björn und Matthias lag auf der anderen Seite des Blocks. Als ich den Durchgang passierte und das Büro im Erdgeschoss erblickte, wirkte das nicht sehr einladend. Alles sehr Dunkel, die Pflastersteine fleckig. Ich wollte nicht wissen, woher die Flecken kamen. Einen Arbeitsplatz hier wünscht man sich nicht so gerne, da muss schon eine gehörige Portion Idealismus dahinter stecken. Es öffnete Björn, der sich als extrem hilfsbereit und engagiert erwies. Er war in den folgenden drei Tagen an unserer Seite.
Als wir den Wagen aufschlossen, um die Möbel herauszuholen, waren wir schon umzingelt von Kindern und Nachbarn, die den Eindruck erweckten, sie hätten ein Leben lang auf uns gewartet. Die totale Begeisterung. Wir waren doch gar nicht die Nationalspieler, die kommen erst in einer Stunde und auch nur im Fernsehen. Eifrige Kinderhände hatten das Wohnzimmer innerhalb von zehn Minuten aufgebaut. Achtjährige Mädchen trugen unseren Kühlschrank. ?Alles andere ist uns zu leicht.? Bitte schön, sollen sie haben. Ohne einen Sessel angefasst zu haben, schaltete ich die Fernseher an. Hier lief bereits die Vorberichterstattung, das Wohnzimmer proppenvoll. Ich hatte feuchtkalte Hände, die pure Angst. Sollte Deutschland heute gegen Schweden ausscheiden war alles umsonst: die Begeisterung, 2 Jahre quälende Vorbereitung, die investierten Emotionen und, ja auch dieses Wohnzimmer irgendwie. Nein, so weit sollte es auf keinen Fall kommen.
17:00
Anpfiff. Wir haben eine gute Mannschaft beisammen: Björn, der Sozialarbeiter vor Ort, Till, unseren Praktikanten, den nach 2 Wochen WM nichts mehr schocken kann, den SAGA-Logenwärter, ein bulliger Typ, die Statur eines Ronaldo, dessen tiefes, messerscharfes Organ die Kinder noch ruhig hielt. Außerdem ist Mirko, unser podcaster (d.h. er produziert unsere Filme für das Internet) dabei, dessen beruhigende Art hier sehr gut ankommt. Später kommen noch Bert und Anita, sie waren schon in Mümmelmannsberg zu Gast. Sie geben Sicherheit in der Defensive. So kann ich mich voll auf das Spiel konzentrieren. Bei Anpfiff habe ich einen Tunnelblick aufgesetzt. Fragen der Kinder oder Beschwerden über Schuhe auf dem Leder perlen an mir ab. In den folgenden 90 Minuten sollte ich nichts mehr mitbekommen, nicht die Panini-Tauschbörsen, nicht die Hierarchiekämpfe der Kinder auf den Sofas, nicht die verwunderten Blicke von den Balkons, nicht die Gruppe Jugendlicher, die in sicherer Entfernung das Geschehen betrachtete. Ein Junge fragt noch: Wieso kommt ihr denn hierher? Na, einfach so. Aber wieso hier nach Kirchdorf?? Seine Frage hat nichts mit Neugier und Informationswillen zu tun. Sie ist ungläubig gestellt, als würde er es nicht fassen können, dass jemand aus der Stadt hier freiwillig länger als 5 Sekunden verweilen würde. Alle sind noch etwas skeptisch. Keiner macht doch irgendetwas so ganz selbstlos für die Leute hier in Kirchdorf. In der Tat, der erste Eindruck vor Ort gibt Klischees und Vorurteilen großen Raum. Davon eingenommen war sicher auch der besagte Zeit-Reporter Sefan Willeke, als er für sein Dossier mal einen Nachmittag hierher fuhr. Sich vom sicheren Schreibtisch im Szeneviertel aufzuschwingen und dann angewidert das Viertel schlecht zu schreiben, ist leicht. Wir sollten aber drei Tage bleiben und etwas genauer hinter die Kulissen schauen. Jedenfalls flog uns bisher nichts um die Ohren und um es vorweg zu nehmen, in den gesamten drei Tagen hier habe ich außer Knallern nach deutschen Toren nichts aus den Fenstern segeln sehen.
15:04
Die deutsche Mannschaft total entfesselt, ich sitze verkrampft und kaue auf meinen Lippen. Dann Traumkombination Ballack-Klose, Klose scheitert am besten Schweden, Torwart Isaaksson. Der Ball springt zu Podolski, der zieht ab. Ein Schwede versucht noch den Kopf dazwischen zu kriegen. Keine Chance. TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! 1:0 für Deutschland. Schon jetzt nach vier Minuten. Ich springe auf, genau wie die anderen ca. 40 Leute bei uns im Wohnzimmer. Ich sehe den roten Kopf des Logenpförtners, um gleich wieder die Zeitlupe aufzusaugen. Poldi, ausgerechnet Poldi, der diesmal ?mehr aus dem Laufen heraus? kam, wie von Klose gefordert.
15:07
Wieder Poldi. Schuss aus 17 Metern. Mensch, ist der Junge aufgedreht. Ich erwische mich selbst beim Schreien. Jetzt ist mir alles egal, was um mich passiert.

Die Schweden werden an ihren Strafraum genagelt. Sie wissen nicht, was mit ihnen passiert. Sie wirken wie Halbwüchsige, die ohne Ausbildung an die Front geschickt werden. Ich denke an die Schlacht am Little Big Horn. Als die weißen Kolonialisten von den Indianern unter der Führung von Sitting Bull hilflos niedergemetzelt wurden. Umzingelt, überfordert, gemartert. Es soll damals nur einen Überlebenden gegeben haben, der schwer verletzt das Heim erreichte. Hier und heute sollte dieser Überlebende Torwart Isaaksson sein, der als einziger Schwede eine Weltklassepartie bot, schon bezeichnend für den Spielverlauf.
15:12
Unser Sitting Bull ist heute Miroslav Klose, der beste Spieler des Turniers. Klose zieht an der Strafraumlinie an drei Schweden vorbei, sieht im Gewimmel sogar noch den Poldi lauern, legt ab, Podolski schießt mit Vollspann: TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Nach 12 Minuten schon 2:0. Wahnsinn. Das Wohnzimmer brodelt. Selbst die kleinen Argentinien-Anhänger neben mir sind starr vor Schreck. Um uns zündeln die Knaller, die Fahnen werden auf den Balkons geschwenkt. Abermals kann ich die Wiederholung nicht oft genug sehen. Ich werde jetzt viel ruhiger. Was kann da noch passieren? Los Jungs, jetzt noch zwei Tore vor der Halbzeitpause. Und schon geht es weiter. Bereits im Mittelfeld verlieren die Schweden immer wieder den Ball und dann läuft sie heiß, die deutsche Offensiv-Maschine. Beinahe jeder Angriff der Deutschen ist brandgefährlich. So was habe ich noch nie gesehen, nicht mal 1990 im Weltmeisterjahr. Vielleicht waren die Holländer in ihren besten Zeiten zu so etwas fähig. Ballack prüft Isaaksson. 9 oder 10 Schüsse sollte Ballack insgesamt abgeben in diesem Spiel, allein ein Erfolgserlebnis blieb ihm verwehrt. Es folgten Gewaltschüsse von Schneider und Schweinsteiger (der sogar an den Pfosten). Isaaksson lenkt einen Frings-Schuss über die Latte. Immer wieder der schwedische Schlussmann, der Pfosten oder knapp vorbei. Den Schweden stand das Wasser bis zum Hals. Irgendwie waren sie schon auf dem Weg zum Flughafen. Nur schnell weg hier! Dann auch noch Rot für Lucic in der 35. Minute. Der Untergang der Schweden schien besiegelt. Dann aber noch mal Ibrahimovic in der 40. mit einem gefährlichen Drehschuss. Es folgte die wahrscheinlich erste Lehmann-Parade des Turniers. Sie wirkte, zugegebenermaßen etwas unkonventionell. Aber gehalten.
15:45
Halbzeit. Mein Herz klopft, ich bin völlig fertig, aber auch glücklich. Was war das gerade bitteschön? War das die deutsche Nationalmannschaft? Zum ersten Mal seit 45 Minuten schaue ich mich um. Alle starren andächtig auf den TV-Kasten. Selbst die sonst so hyperaktiven Jungs sind leicht geplättet. Die Panini-Bilder steigen schlagartig im Preis. Jetzt musste man für Frings schon mindestens drei Südkoreaner hinlegen, und einen Ukrainer, und sogar einen Spanier. Das Mannschaftsbild von Saudi-Arabien, das gab´s dann dazu.
15:50
?Argentinien gewinnt gegen Deutschland im Viertelfinale?, sagt mein Nebenmann, ein ca. 8jähriger Junge. Dabei mussten die noch gegen Mexiko spielen. Sehr optimistisch. Ich bin überrascht über den Fußball-Sachverstand auch der Jüngsten hier. Sie wissen genau, wie alt jeder Spieler ist, wo er spielt, ob er wechseln wird und bei welchem Verein er noch vor drei Jahren unter Vertrag gestanden hat. Ja,ja, diese Panini-Bildchen. Alle Informationen drauf, die ein Halbwüchsiger braucht.
16:00
Anstoß zweite Halbzeit. Deutschland zunächst wieder dominant. Doch dann eine tollpatschige Aktion von Metzelder. Er stößt Larsson im Strafraum um. Elfmeter. Nie und nimmer berechtigt, aber da kann man nichts machen. Die bekannteste aller Fußballweisheiten besagt, dass der Gefoulte nie selbst schießen sollte. Larsson hält nichts von Weisheiten und jagt den Ball in den Münchner Himmel. Lehmann hat sich keinen Zentimeter bewegt. JAAAAAAA! Der Hauswart schreit am lautesten. Mir zittern die Knochen. Was für ein Glück. Das hätte noch gefährlich werden können. Aber jetzt spricht alles gegen Schweden. Außer ihr Torwart. Er lenkt in der 52. Minute einen Schuss von Ballack an den Pfosten.
Danach ließen es die Klinsmann-Elf etwas langsamer angehen. Viel weniger Bewegung auf dem Platz, mehr Fehlpässe, die Handbremse war angezogen. Schweden jetzt etwas stärker, aber nie wirklich in der Lage, hier noch irgendetwas auszurichten. Schneider traf noch mal die Latte. Schlusspfiff. Sieg. Viertelfinale. Der Aufschrei am Schluss ist nicht mehr so exstatisch. Zu lange stand der Sieg schon fest. Gleich wissen wir unseren Viertelfinalgegner.
Das Wohnzimmer entspannt sich ein wenig. Die Beine werden ausgeschüttelt. Ich puste durch. Allgemeines Abklatschen. Bis jetzt fühlten wir uns sauwohl in Kirchdorf-Süd. Dafür hatte unsere Elf gesorgt. Ja, ja, wenn sie gewinnen, ist die Stimmung gut.
Wo waren eigentlich die Crack-rauchenden Jugendlichen, von denen im Zeit-Artikel die Rede war? Hier müsste doch alles voll sein davon. Nichts. Die Einzigen, die rauchen, sind wir. Wenn Deutschland spielt, hänge ich am Glimmstengel wie die Jungs bei 50 Grad auf dem Platz an den Wasserflaschen. Nicht einmal ein Hundeschiss war zu sehen. War das alles ein Bluff, ein gigantisches Täuschungsmanöver, weil die Jungs von der Wohnzimmer-WM da waren?
Björn bietet uns an, mit ihm in den 12.Stock hinauf zu fahren und das Viertel mal von oben zu betrachten. Wir nehmen das Angebot gerne an. Hier oben kommen wir auch ein wenig auf die Probleme in Kirchdorf-Süd zu sprechen. ?Es ist schwierig, die Leute hier aus ihren Wohnungen zu holen. Wir versuchen das mit vielen Aktionen, aber es braucht Geduld und manche erreicht man nie. Da sollte man sich keine Illusionen machen.? Diese Tatsache mussten wir bisher in allen Wohngebieten machen, zum Teil ist es Trägheit, zum Teil vielleicht auch ein wenig Angst. Die meisten wollen einfach ihre Ruhe und sind froh, in ihren Wohnungen zu sein. ?Und was ist jetzt mit den fliegenden Kühlschränken und Einkaufswagen??, frage ich ihn. ?Ja, das hat es vor ein paar Jahren einmal gegeben, aber das jetzt als bezeichnend für das Viertel zu beschreiben ist schlichtweg gelogen.? Von hier oben wirkt alles friedlich. Die Kinder spielen auf dem Bolzplatz, ein paar Muttis sind mit ihren Kinderwagen unterwegs, da scheint doch die demokratische Idee dieses Siedlungskonzept zu greifen. In sicherer Entfernung, hinter einem grünen Gürtel erscheinen die Einfamilienhäuser. Man kann sich durchaus vorstellen, dass diese mit dem Neubaukonzept vor ihrer Haustür nicht so recht einverstanden sind. ?Zwischen diesen beiden Welten gibt es keine Berührungspunkte. Das sind zwei völlig unterschiedliche Schichten.? Natürlich trügt der Schein hier auch ein wenig. ?Das hier ist natürlich kein gutes Wohnkonzept, da wollen wir uns nichts vormachen?, sagt Björn. ?Aber warum sollten wir die Leute sich selbst überlassen. Es lohnt sich absolut hier zu arbeiten.? Ich erinnere mich, dass mich die im Artikel beschriebene Abscheu hier auch im ersten Moment erfasst hat. Aber es gibt nicht nur gute oder nur schlechte Wohnviertel. Als ich am Abend über den Kiez und die Reeperbahn laufe, kommen wir Bäche von Urin und Erbrochenem entgegen. Der Gestank war dementsprechend. Crack-rauchende Jugendliche gibt es sicherlich auch zuhauf in St. Georg oder Eimsbüttel. Der Finger des Bildungsbürgers auf das angeblich verrottete Viertel ist absolut nicht angebracht und zeugt von Unwissen und einem erheblichen Maß an Vorurteilen und Verklemmtheit. Damit wir uns richtig verstehen: ich möchte hier auch nicht wohnen, maße mir aber nicht an, hier irgendetwas abzuqualifizieren. Ach ja und von Ratten war die Rede. Laufen die nicht überall in Hamburg rum? Sie haben sich bestimmt nicht exklusiv in Kirchdorf versammelt.
20:55
Kurz vor Anstoß Argentinien ? Mexiko. Das Gerangel um die Plätze beginnt. Ich beobachte dabei ein interessantes Phänomen. Unter den Kindern und Jugendlichen scheint es eine unsichtbare und allgemeine Hierarchie zu geben: Kommt ein älterer zum Sofa, das schon besetzt ist von einem jüngeren, so zieht er ihn am Arm hoch, gibt ihn noch einen Schubs ins irgendwo und setzt sich hin. Der Verstoßene wiederholt den Vorgang beim nächst Jüngeren. Dieser Vorgang wird klaglos hingenommen, unausgesprochene Gesetze scheinen das hier zu sein. Mir ist das an allen Stationen bisher aufgefallen. Beim Vertilgen von Chipstüten oder Erdnussboxen beobachten wir einen identischen Vorgang. So entwickelte sich ein ständiges stetes Wechselspiel, das sich durch alle Tage zog und ein wenig an die ?Reise nach Jerusalem? erinnerte. Lustig wurde es, als in der zweiten Halbzeit eine Gruppe 17jähriger anrückte und mit ein paar Handgriffen die Sofas ?säuberte?, um sich schließlich für 5 Minuten dazu zu setzen. Machtdemonstration und Gepose nenne ich das.
21:06
Die Mexikaner, denen ich eigentlich nicht viel zugetraut hatte, machen ganz schon Betrieb. Die Argentinier sind geschockt. Und nach 6 Minuten klingelt es im argentinischen Kasten. Pardo rutscht fünf Meter vor dem Tor in einen von Mendez verlängerten Freistoß und knallt den Ball unter die Latte. Keine Chance für den Torwart. Entsetzen in de Runde. Die kleinen Argentinien-Fans sind mucksmäuschenstill und zerknittern ihre Panini-Bildchen in den zur Faust geballten Händen. Ich freue mich lautstark. Erstens habe ich mich gerade dabei erwischt, dass ich zu Mexiko halte und, ich gebe es zu, ein bisschen Schadenfreude ist auch dabei.
21:10
Ausgleich Argentinien: Schade. Jetzt schon. Ausgerechnet Torjäger Borgetti mit dem Eigentor. Hinter ihm wäre Crespo einschussbereit gewesen. Jetzt fliegen natürlich die Arme hoch. Ich gehe in Deckung.
Das Spiel ist flott. Die erste Halbzeit sollte eine der besseren dieser WM werden.
Ich sitze im Kinderblock. Hier wird es immer unruhiger. Ständig dieselben Spiele: Älterer zieht jüngeren hoch, Jüngerer zieht noch Jüngeren hoch. Ich sitze als einziger ?Erwachsener? dazwischen. Der Rest hat sich längst in die Greisenkurve verzogen. ?Guck mal, der hat mir den Platz weggenommen!? Ich muss ein paar Mal schlichten, ziehe dann aber auch um. Sollen sie das doch unter sich ausmachen, ich will Fußball gucken. Aber mein Holzauge blieb wachsam.
21:45
Die erste Halbzeit ist um. Die Mexikaner besser als gedacht. Argentinien wird früh gestört und kommt nicht in sein Spiel. Das wirkt alles etwas zerfahren. Ich wünsche mir Mexiko fürs Viertelfinale, die scheinen leichter zu schlagen zu sein. Ihre Mittel sind begrenzt, sie geben allerdings keinen Ball verloren.
22:00
Anstoß zweite Halbzeit. Das Spiel plätschert jetzt etwas vor sich hin. Ganz im Gegensatz zur Kinderkurve. Dort ist mittlerweile die Hölle los. ?Mein Platz!?, ?Halts Maul!?, ?Hat dein Vater `ne Glatze?? ? Ne.? ? ?Ach dann hab ich deine Mudda auf dem Markt gesehen!? Und so weiter. Ich schalte den Fernseher lauter. Müssen die nicht irgendwann ins Bett? Mein Gerechtigkeitssinn lässt mich noch ein paar Mal einschreiten. Das hilft zumeist nur für Sekunden.
22:45
Das Spiel ist vorbei: 1:1. Verlängerung. Fast alle Kinder sind jetzt verschwunden. Endlich. Konzentration auf die Verlängerung. Das hatten wir uns gewünscht. Spannung. Die ist schnell vorbei. Maxi Rodrigeuz hämmert die Kugel mit einem Traumtor von halbrechter Position in den linken Torwinkel. Keine Chance für Torwart Sanchez. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Mexikaner noch einmal in der Lage waren, zu reagieren. Leider hatte ich damit Recht. Wir hatten uns schon auf das Elfmeterschießen gefreut. Stattdessen Abbau und Heimfahrt. Wir kommen gerne wieder. Schon morgen. Gleicher Ort, gleiche Zeit.
Peter Schütz
2006.06.19, 18:46
by peter folk
about: tagebuch
Lokstedt, Lenzsiedlung, 16. Juni 2006 "Warum esst ihr Deutschen immer so viele Kartoffeln?"
Gruppe C:
Argentinien - Serbien/Montenegro 6:0
Niederlande - Elfenbeinküste
Gruppe D:
Mexiko - Angola 0:0
Um es vorwegzunehmen, dieser Tag in Lokstedt wird nicht in die Annalen als bester Tag der Wohnzimmer WM eingehen. Nach diesem Tag sollten wir uns ein wenig wie die Serbien-Montenegriner fühlen: überrannt, überfordert, kalt geduscht.
Ja, woran lag es eigentlich? Der Platz, den wir uns aussuchten war sehr schön, eine üppige, gesunde, etwas abschüssig liegende Rasenfläche, inmitten der herausgeputzten 11-Geschosser (geschätzt). Der Himmel zeigt sich zunächst unentschieden. Es war bewölkt, aber trocken und nicht zu kalt. Ab und zu ein Tropfen im Gesicht. Das ließ uns erschaudern aber nicht umfallen.Wir entschieden uns für die Open-Air-Variante.
15:00
Erstes Spiel, Argentinien - Serbien/Montenegro. Ja,was ist eigentlich los mit den Jungs vom Balkan? Als Geheimfavorit,zumindest als Mannschaft, der etwas zuzutrauen ist gestartet,wurden sie hier von einer überragenden argentinischen Mannschaft in einer Art und Weise nach Hause geschickt, die wohl niemand für möglich gehalten hat. Krstajic, der Schalker spielte diesmal auf der ungewohnten linken Abwehrseite, also nicht in der vertrauten Innenverteidigung und erlebte einen rabenschwarzen Tag.
15:30
Schon nach einer halben Stunde führen die Argentinier 2:0.Rodriguez hatte zum 1:0 getroffen und nach einer Traumkomination über 26(!) Stationen, die Crespo mit einem herrlichen Hackentrick auf den Torschützen Cambiasso krönte, fiel das zweite Tor. Die Serben machten nicht den Eindruck als würden sie in diesem Spiel noch einmal den Ball berühren können. Zum Glück hatten sie Anstoß, da ging das wieder. Sie spielten so ein bisschen wie ein Paar, das in Scheidung lebt, keiner glaubte hier noch an eine ende, die Arbeit wurde eingestellt, Hoffen auf ein schnelles Ende. Da passt es ja ganz gut, dass Serbien und Montenegro in Zukunft mit separaten Nationalmannschaften antreten werden.
Die kleine Rosa hatte sich inzwischen als erster Gast zu uns gesellt. Sie war ganz scharf auf unsere Deutschlandfahne, mit der sie fortan wedelnd durch Wohngebiet lief, bis ihre Mutter wegen des drohenden Regens hinein holte. Wieder ein Regentropfen auf dem T-Shirt. Der zweiköpfige Krisenstab trat zusammen und entschied, das Wohnzimmer vorerst auf der Wiese zu lassen, ein folgenschwerer Fehler.
Als nächster kam Rolf zu uns aus der Nummer 132 von gegenüber. Er stellte sich als einziger Glücksfall des Tages heraus. Er stellte sich uns als Hobby-Schiedsrichter vor und würde morgen beim Kinder-Fußballturnier in Lokstedt im Einsatz sein. Dort würde er in Personalunion die Funktionen Organisator, Schiedsrichter und Stadionsprecher ausfüllen.Er schaut sich die erste Halbzeit mit an und sagt im Gehen noch, dass er uns sein Partyzelt ausleihen könnte. Zum Glück, hatten wir gut zugehört.
15:45
Rosa und Ralf waren längst gegangen, als wir zu zweit den Halbzeitpfiff erlebten. 3:0 führten die Argentinier mittlerweile und die Serbien hofften wohl heimlich, dass der Schiedsrichter in der Aufregung Halbzeit- und Schlusspfiff verwechselt haben könnte. Tat er aber nicht, sie mussten noch mal raus und waren wie wir den Dingen ausgeliefert, die da kommen sollten.
Das Tröpfeln war mittlerweile zu einem Nieselregen geworden. "Ich hol`jetzt doch mal das Zelt", meinte Till und rannte los. Als er 5 Minuten später wieder zurückkam, stand ich im mitten im Platzregen und dachte über zwei Dinge nach: wie bekommen wir die Sofas wieder trocken und wann würden die Fernseher explodieren.
Ralf schien früher einmal Ausbilder bei der Armee gewesen zu sein. Knapp und barsch wies er uns die nötigen Arbeiten zu. Ich tat so, als hätte ich so ein Zelt noch nie aufgebaut. Er erklärte uns die einfachsten Sachen. Ohne seine Anweisungen hätten wir bestimmt nicht gewußt, dass die Zeltseile mit Heringen gespannt werden und dass sie in die Erde gesteckt werden. Danke für die Information! Das Zelt stand und ich erinnerte mich, dass ich schon immer Camping gehasst habe. Genau bei diesem Wetter ein einziger Horror, alles nass und klamm und dieses verdammte Geräusch von Regentropfen auf dem Zeltdach. "Na, ist doch gemütlich hier", schreit Ralf gegen den Regen an. "Na, zum Glück hab`ich die Tage noch so ein Ding gekauft. Ja, ja, der Ralf, der macht euch das!"
16:00
Die zweite Halbzeit beginnt. Ralf verlässt den Platz. Hätte mal lieber bleiben sollen, er war unser bester Spieler, eine echte Respektsperson, ohne ihn waren wir dem Spiel fortan nicht mehr gewachsen. Und schon 0:4 aus Sicht der Serben.
16:15
Unser weißes Zelt steht nun frei sichtbar und ungeschützt, mitten im Wohngebiet. Als Attraktion erkannt stürmt eine Horde Jugendlicher unseren kleinen Regenschutz und lässt uns keine Ruhe mehr.
16:33
0:5.Wir haben uns lange gewehrt, aber müssen die Niederlage erkennen. "Warum esst Ihr Deutschen immer so viele Kartoffeln?"-"Keine Ahnung, wovon du sprichst."-"..und so viele Karotten." - "Das höre ich zum ersten M...." - "Was ist ein Deutscher in der Badewanne?", schreit einer von hinten in mein Ohr. "Na, du sagst es uns gleich." - "Kartoffelsuppe. HaHaHa!" Die neun Quadratmeter sind jetzt ausgefült mit gehässigem Gelächter. Ich konzentrierte mich aufs Spiel. Vielleicht gelingt ja doch der Ehrentreffer. "Habt ihr kein Zuhause?" - Wieso stellt ihr das hier hin?" - "Kriegt ihr Geld dafür." - "Ja, 2,50." Meine Antworten werden grantiger. Bis jetzt fand ich es ja noch lustig. Jetzt wird Till zum gefundenen Fressen für die immer mehr aufdrehenden Jugendlichen. Sind da Alkopops im Spiel? Er hatte seinen Pullover vergessen und sich nun in ein Handtuch gewickelt. Das ist natürlich wahnsinnig lustig. Bei den Argentiniern wird Messi eingewechselt. Jetzt wird es noch schlimmer.
Das lauteste der jungen Mädchen kommt auf eine Super-Idee: Till wird mit Grashalmen und Blüten bestäubt. "Trinkst du viel Bier? Du bist ja schon total besoffen." - "Seid ihr morgen wieder hier?" - "Hmm, mal sehen..." Ich merke, wie es in Till brodelt, sein Gesicht ist schon ganz rot. Hinter mir versucht einer, mir die Deutschlandfahne ins Ohr zu schieben, ich greife nach hinten und sicher die Flagge. Ich versuche ruhig zu bleiben, bis ich ein paar Halbwüchsige am Kühlschrank hantieren sehe. Jetzt wollen die uns das Bier klauen! Messi trifft zum 6:0! Schluss aus, wir geben auf, dieser Platz ist verloren. Auf der Wiese am Lenzweg ist die historische Schlacht geschlagen. Wir ziehen uns zurück. Doch die rettenden Loge ist 100m entfernt. Die Kids sind jetzt außer Rand und Band. Die einen ramponieren die Sofas, die anderen klauen die Bionade.
16:45
Abpfiff Argentinien - Serbien/Montenegro
Mit hängenden Köpfen verlassen wir den Platz und gehen in die Kabine, äh Loge. Dort haben sich schon die Kids verschanzt. Sie wollen mit uns weiterschauen. Mit letzten Kräften und unter armseligen Drohungen gelingt es uns, sie rauszuschmeißen. Da sitzen wir nun auf den triefenden Sofas, hinter verschlossener Glastür. Um uns herum jugendlicher Terror, inmitten des tobenden Platzregens.
18:00
Anpfiff Holland - Elfenbeinküste
Neues Spiel, neues Glück. Das konnte spannender werden. Unser Rückspiel kommt morgen. Gleicher Ort, gleiche Zeit. Na wartet!
Bis zum nächsten Mal
Peter Schütz
Argentinien - Serbien/Montenegro 6:0
Niederlande - Elfenbeinküste
Gruppe D:
Mexiko - Angola 0:0
Um es vorwegzunehmen, dieser Tag in Lokstedt wird nicht in die Annalen als bester Tag der Wohnzimmer WM eingehen. Nach diesem Tag sollten wir uns ein wenig wie die Serbien-Montenegriner fühlen: überrannt, überfordert, kalt geduscht.
Ja, woran lag es eigentlich? Der Platz, den wir uns aussuchten war sehr schön, eine üppige, gesunde, etwas abschüssig liegende Rasenfläche, inmitten der herausgeputzten 11-Geschosser (geschätzt). Der Himmel zeigt sich zunächst unentschieden. Es war bewölkt, aber trocken und nicht zu kalt. Ab und zu ein Tropfen im Gesicht. Das ließ uns erschaudern aber nicht umfallen.Wir entschieden uns für die Open-Air-Variante.
15:00
Erstes Spiel, Argentinien - Serbien/Montenegro. Ja,was ist eigentlich los mit den Jungs vom Balkan? Als Geheimfavorit,zumindest als Mannschaft, der etwas zuzutrauen ist gestartet,wurden sie hier von einer überragenden argentinischen Mannschaft in einer Art und Weise nach Hause geschickt, die wohl niemand für möglich gehalten hat. Krstajic, der Schalker spielte diesmal auf der ungewohnten linken Abwehrseite, also nicht in der vertrauten Innenverteidigung und erlebte einen rabenschwarzen Tag.
15:30
Schon nach einer halben Stunde führen die Argentinier 2:0.Rodriguez hatte zum 1:0 getroffen und nach einer Traumkomination über 26(!) Stationen, die Crespo mit einem herrlichen Hackentrick auf den Torschützen Cambiasso krönte, fiel das zweite Tor. Die Serben machten nicht den Eindruck als würden sie in diesem Spiel noch einmal den Ball berühren können. Zum Glück hatten sie Anstoß, da ging das wieder. Sie spielten so ein bisschen wie ein Paar, das in Scheidung lebt, keiner glaubte hier noch an eine ende, die Arbeit wurde eingestellt, Hoffen auf ein schnelles Ende. Da passt es ja ganz gut, dass Serbien und Montenegro in Zukunft mit separaten Nationalmannschaften antreten werden.
Die kleine Rosa hatte sich inzwischen als erster Gast zu uns gesellt. Sie war ganz scharf auf unsere Deutschlandfahne, mit der sie fortan wedelnd durch Wohngebiet lief, bis ihre Mutter wegen des drohenden Regens hinein holte. Wieder ein Regentropfen auf dem T-Shirt. Der zweiköpfige Krisenstab trat zusammen und entschied, das Wohnzimmer vorerst auf der Wiese zu lassen, ein folgenschwerer Fehler.
Als nächster kam Rolf zu uns aus der Nummer 132 von gegenüber. Er stellte sich als einziger Glücksfall des Tages heraus. Er stellte sich uns als Hobby-Schiedsrichter vor und würde morgen beim Kinder-Fußballturnier in Lokstedt im Einsatz sein. Dort würde er in Personalunion die Funktionen Organisator, Schiedsrichter und Stadionsprecher ausfüllen.Er schaut sich die erste Halbzeit mit an und sagt im Gehen noch, dass er uns sein Partyzelt ausleihen könnte. Zum Glück, hatten wir gut zugehört.
15:45
Rosa und Ralf waren längst gegangen, als wir zu zweit den Halbzeitpfiff erlebten. 3:0 führten die Argentinier mittlerweile und die Serbien hofften wohl heimlich, dass der Schiedsrichter in der Aufregung Halbzeit- und Schlusspfiff verwechselt haben könnte. Tat er aber nicht, sie mussten noch mal raus und waren wie wir den Dingen ausgeliefert, die da kommen sollten.
Das Tröpfeln war mittlerweile zu einem Nieselregen geworden. "Ich hol`jetzt doch mal das Zelt", meinte Till und rannte los. Als er 5 Minuten später wieder zurückkam, stand ich im mitten im Platzregen und dachte über zwei Dinge nach: wie bekommen wir die Sofas wieder trocken und wann würden die Fernseher explodieren.
Ralf schien früher einmal Ausbilder bei der Armee gewesen zu sein. Knapp und barsch wies er uns die nötigen Arbeiten zu. Ich tat so, als hätte ich so ein Zelt noch nie aufgebaut. Er erklärte uns die einfachsten Sachen. Ohne seine Anweisungen hätten wir bestimmt nicht gewußt, dass die Zeltseile mit Heringen gespannt werden und dass sie in die Erde gesteckt werden. Danke für die Information! Das Zelt stand und ich erinnerte mich, dass ich schon immer Camping gehasst habe. Genau bei diesem Wetter ein einziger Horror, alles nass und klamm und dieses verdammte Geräusch von Regentropfen auf dem Zeltdach. "Na, ist doch gemütlich hier", schreit Ralf gegen den Regen an. "Na, zum Glück hab`ich die Tage noch so ein Ding gekauft. Ja, ja, der Ralf, der macht euch das!"
16:00
Die zweite Halbzeit beginnt. Ralf verlässt den Platz. Hätte mal lieber bleiben sollen, er war unser bester Spieler, eine echte Respektsperson, ohne ihn waren wir dem Spiel fortan nicht mehr gewachsen. Und schon 0:4 aus Sicht der Serben.
16:15
Unser weißes Zelt steht nun frei sichtbar und ungeschützt, mitten im Wohngebiet. Als Attraktion erkannt stürmt eine Horde Jugendlicher unseren kleinen Regenschutz und lässt uns keine Ruhe mehr.
16:33
0:5.Wir haben uns lange gewehrt, aber müssen die Niederlage erkennen. "Warum esst Ihr Deutschen immer so viele Kartoffeln?"-"Keine Ahnung, wovon du sprichst."-"..und so viele Karotten." - "Das höre ich zum ersten M...." - "Was ist ein Deutscher in der Badewanne?", schreit einer von hinten in mein Ohr. "Na, du sagst es uns gleich." - "Kartoffelsuppe. HaHaHa!" Die neun Quadratmeter sind jetzt ausgefült mit gehässigem Gelächter. Ich konzentrierte mich aufs Spiel. Vielleicht gelingt ja doch der Ehrentreffer. "Habt ihr kein Zuhause?" - Wieso stellt ihr das hier hin?" - "Kriegt ihr Geld dafür." - "Ja, 2,50." Meine Antworten werden grantiger. Bis jetzt fand ich es ja noch lustig. Jetzt wird Till zum gefundenen Fressen für die immer mehr aufdrehenden Jugendlichen. Sind da Alkopops im Spiel? Er hatte seinen Pullover vergessen und sich nun in ein Handtuch gewickelt. Das ist natürlich wahnsinnig lustig. Bei den Argentiniern wird Messi eingewechselt. Jetzt wird es noch schlimmer.
Das lauteste der jungen Mädchen kommt auf eine Super-Idee: Till wird mit Grashalmen und Blüten bestäubt. "Trinkst du viel Bier? Du bist ja schon total besoffen." - "Seid ihr morgen wieder hier?" - "Hmm, mal sehen..." Ich merke, wie es in Till brodelt, sein Gesicht ist schon ganz rot. Hinter mir versucht einer, mir die Deutschlandfahne ins Ohr zu schieben, ich greife nach hinten und sicher die Flagge. Ich versuche ruhig zu bleiben, bis ich ein paar Halbwüchsige am Kühlschrank hantieren sehe. Jetzt wollen die uns das Bier klauen! Messi trifft zum 6:0! Schluss aus, wir geben auf, dieser Platz ist verloren. Auf der Wiese am Lenzweg ist die historische Schlacht geschlagen. Wir ziehen uns zurück. Doch die rettenden Loge ist 100m entfernt. Die Kids sind jetzt außer Rand und Band. Die einen ramponieren die Sofas, die anderen klauen die Bionade.
16:45
Abpfiff Argentinien - Serbien/Montenegro
Mit hängenden Köpfen verlassen wir den Platz und gehen in die Kabine, äh Loge. Dort haben sich schon die Kids verschanzt. Sie wollen mit uns weiterschauen. Mit letzten Kräften und unter armseligen Drohungen gelingt es uns, sie rauszuschmeißen. Da sitzen wir nun auf den triefenden Sofas, hinter verschlossener Glastür. Um uns herum jugendlicher Terror, inmitten des tobenden Platzregens.
18:00
Anpfiff Holland - Elfenbeinküste
Neues Spiel, neues Glück. Das konnte spannender werden. Unser Rückspiel kommt morgen. Gleicher Ort, gleiche Zeit. Na wartet!
Bis zum nächsten Mal
Peter Schütz
