Monday, 1. December 2008, 01:05Uhr
Im Gegensatz zur Fotografie, die nur einen Moment festhält, kommt in der Malerei die Stimmung des Moments zum Ausdruck, in der das Werk geschaffen wurde. Dies ist für Charles Ryder der Grund, die Malerei der Fotografie vorzuziehen. Die Schaffung eines gemalten oder gezeichneten Bildes eines Moments ist jedoch nicht nur Berufung Ryders, sondern auch wesentlicher Bestandteil von Brideshead revisited selbst. Dabei fallen einige Sequenzen besonders ins Auge.
Zu Beginn folgt Charles Ryder durch die Korridore und Türen eines Schiffes einer noch unbekannten Frau. In einem letzten Flur stellt er sie schließlich. Von seinem Gesicht führt der Blick der Kamera auf sie. Sie steht in der Mitte des Bildes, von vier oder fünf Türöffnungen eingerahmt. Doch Moment, sind das wirklich Türen? Steht sie tatsächlich in einer Flucht? Oder ist das nur ein Muster an der Wand? Ich kann es nicht genau sagen, das Bild ist zu flächig. Helles Holz auf dem Boden, die Wände dunkel getäfelt, rote Türrahmen, das Licht taucht sie in ihrem champangerfarbenen Kleid in warme Töne. Sie kennen sich, nicht nur flüchtig, das verraten ihre Blicke. Er zögert. Die Türen, obwohl geöffnet, scheinen die beiden zu trennen, mehr als eine Welt scheint zwischen ihnen zu liegen. Sie spricht ihn an: 'Hallo Charles.'
Die Szene ist dort zu Ende, wie sie weitergeht, wird erst beim zweiten Mal zum Ende des Films enthüllt und auch an dieser Stelle soll dies nicht vorweg genommen werden.
Kurz darauf wird Sebastian Flyte, ein Studienfreund Charles' eingeführt. Die Kamera fährt eine Wand entlang auf eine geöffnete Tür zu. Im Blickfeld, welches die Tür freigibt, sehen wir eben jenen Sebastian Flyte an einem herrschaftlich gedeckten Tisch mit einem opulenten floralen Gesteck sitzen. Er bewegt sich fast überhaupt nicht, er ist ganz darauf konzentriert, eine Kiebitzei zu schälen. Für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich eben diesen Menschen sehe oder nur ein Gemälde von ihm.
Eine weitere prägende Szene spielt in Venedig, in der zeitlichen Logik des Films mehrere Jahre vor der ersten Szene. Wieder verfolgt Charles – wir wissen mittlerweile, sie heißt – Julia, diesmal durch ein dunkles Zimmer eines venezianischen Palasts. Wieder zögert er, wieder schauen sie sich an. Julias homosexueller Bruder Sebastian tritt betrunken ein, umarmt Charles. Er schaut zu Julia, sie steht in einem Türrrahmen. Sebastian führt Charles aus dem Zimmer, dieser folgt zögernd. Ein letzter Blick zurück auf Julia. Sie schließt die schwarzen Flügel der großen Tür. Exakt in der Bildmitte befindet sich ein letzter schmaler geöffneter Spalt, gerade groß genug, um einen Streifen, ausgehend von der Gesichtsmitte bis zum äußeren Ende ihres rechten Auges, sichtbar zu lassen. Sie blickt Charles an – und schließt die Tür.
Später sehen wir die eingangs beschriebene Szene noch einmal. Doch ist sie diesmal nicht nach 'Hallo Charles' zu Ende. Sie stehen in diesem Korridor, schauen sich an, für einen Moment denke ich, nun wird sie wieder die Tür vor ihm schließen, sich vor ihm verschließen, der Film ist zu Ende. Doch dem ist nicht so! Charles tritt auf Julia zu und schließt die Tür hinter sich. Keine Tür trennt die beiden nun, sie sind in Liebe vereint.
Die starke Verengung des Bildraums, diese Cadrierung durch Türen, Torbögen, Fenster, Türrahmen erleben wir in Brideshead revisited unglaublich oft. Einzelne Personen darin wirken wie belebte Gemälde. Dadurch erleben wir eine Verdopplung der Leinwand. Die Personen werden augenscheinlich zu Gemälden auf einer Leinwand, der Film selbst ist aber ja auch nur ein Bild auf einer Leinwand. Er thematisiert hier seine eigene Bildhaftigkeit und Flächigkeit.
Charles Ryder ist obendrein Maler. Wenn er Julia so ansieht, eingerahmt in edles Holz, sieht er womöglich nur ihre Schönheit, die Oberflächlichkeit eines Gemäldes, als ein Teil von Brideshead, ein besonders ansehens- und begehrenswertes Stück Inventar. Er sieht sie überhaupt unglaublich oft eingerahmt oder auch hinter Glas. Es gibt neben den beschriebenen Szenen unzählige Einstellungen, in denen Julias Gesicht nur durch ein kleines Autofenster zu sehen ist, umfasst von den schwarzen Außenwänden des Autos. Sie ist für ihn unerreichbar, es gibt immer etwas, das die beiden trennt. Aber will Charles überhaupt Julia? Oder doch eigentlich nur das Anwesen? Diese Frage wird ihm auch im Film selbst gestellt – und bleibt, zumindest mit Worten, unbeantwortet.
Von Sebastians und Julias Mutter existiert in Brideshead tatsächlich ein Gemälde. Über einem Kamin in der Eingangshalle hängt ein Familienporträt im Stile mittelalterlicher Heiligenbilder. Lady Marchmain, die Herrin von Brideshead in der Mitte. So werden alle Bewohner des Anwesens zu Gemälden, zu Abbildungen ihrer selbst und weisen dabei wieder auf den Film selbst hin. Denn auch er ist bloß Abbild einer – wenn auch in diesem Fall fiktiven, weil einer Romanvorlage entstammenden – Realität.
Zu Beginn folgt Charles Ryder durch die Korridore und Türen eines Schiffes einer noch unbekannten Frau. In einem letzten Flur stellt er sie schließlich. Von seinem Gesicht führt der Blick der Kamera auf sie. Sie steht in der Mitte des Bildes, von vier oder fünf Türöffnungen eingerahmt. Doch Moment, sind das wirklich Türen? Steht sie tatsächlich in einer Flucht? Oder ist das nur ein Muster an der Wand? Ich kann es nicht genau sagen, das Bild ist zu flächig. Helles Holz auf dem Boden, die Wände dunkel getäfelt, rote Türrahmen, das Licht taucht sie in ihrem champangerfarbenen Kleid in warme Töne. Sie kennen sich, nicht nur flüchtig, das verraten ihre Blicke. Er zögert. Die Türen, obwohl geöffnet, scheinen die beiden zu trennen, mehr als eine Welt scheint zwischen ihnen zu liegen. Sie spricht ihn an: 'Hallo Charles.'
Die Szene ist dort zu Ende, wie sie weitergeht, wird erst beim zweiten Mal zum Ende des Films enthüllt und auch an dieser Stelle soll dies nicht vorweg genommen werden.
Kurz darauf wird Sebastian Flyte, ein Studienfreund Charles' eingeführt. Die Kamera fährt eine Wand entlang auf eine geöffnete Tür zu. Im Blickfeld, welches die Tür freigibt, sehen wir eben jenen Sebastian Flyte an einem herrschaftlich gedeckten Tisch mit einem opulenten floralen Gesteck sitzen. Er bewegt sich fast überhaupt nicht, er ist ganz darauf konzentriert, eine Kiebitzei zu schälen. Für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich eben diesen Menschen sehe oder nur ein Gemälde von ihm.
Eine weitere prägende Szene spielt in Venedig, in der zeitlichen Logik des Films mehrere Jahre vor der ersten Szene. Wieder verfolgt Charles – wir wissen mittlerweile, sie heißt – Julia, diesmal durch ein dunkles Zimmer eines venezianischen Palasts. Wieder zögert er, wieder schauen sie sich an. Julias homosexueller Bruder Sebastian tritt betrunken ein, umarmt Charles. Er schaut zu Julia, sie steht in einem Türrrahmen. Sebastian führt Charles aus dem Zimmer, dieser folgt zögernd. Ein letzter Blick zurück auf Julia. Sie schließt die schwarzen Flügel der großen Tür. Exakt in der Bildmitte befindet sich ein letzter schmaler geöffneter Spalt, gerade groß genug, um einen Streifen, ausgehend von der Gesichtsmitte bis zum äußeren Ende ihres rechten Auges, sichtbar zu lassen. Sie blickt Charles an – und schließt die Tür.
Später sehen wir die eingangs beschriebene Szene noch einmal. Doch ist sie diesmal nicht nach 'Hallo Charles' zu Ende. Sie stehen in diesem Korridor, schauen sich an, für einen Moment denke ich, nun wird sie wieder die Tür vor ihm schließen, sich vor ihm verschließen, der Film ist zu Ende. Doch dem ist nicht so! Charles tritt auf Julia zu und schließt die Tür hinter sich. Keine Tür trennt die beiden nun, sie sind in Liebe vereint.
Die starke Verengung des Bildraums, diese Cadrierung durch Türen, Torbögen, Fenster, Türrahmen erleben wir in Brideshead revisited unglaublich oft. Einzelne Personen darin wirken wie belebte Gemälde. Dadurch erleben wir eine Verdopplung der Leinwand. Die Personen werden augenscheinlich zu Gemälden auf einer Leinwand, der Film selbst ist aber ja auch nur ein Bild auf einer Leinwand. Er thematisiert hier seine eigene Bildhaftigkeit und Flächigkeit.
Charles Ryder ist obendrein Maler. Wenn er Julia so ansieht, eingerahmt in edles Holz, sieht er womöglich nur ihre Schönheit, die Oberflächlichkeit eines Gemäldes, als ein Teil von Brideshead, ein besonders ansehens- und begehrenswertes Stück Inventar. Er sieht sie überhaupt unglaublich oft eingerahmt oder auch hinter Glas. Es gibt neben den beschriebenen Szenen unzählige Einstellungen, in denen Julias Gesicht nur durch ein kleines Autofenster zu sehen ist, umfasst von den schwarzen Außenwänden des Autos. Sie ist für ihn unerreichbar, es gibt immer etwas, das die beiden trennt. Aber will Charles überhaupt Julia? Oder doch eigentlich nur das Anwesen? Diese Frage wird ihm auch im Film selbst gestellt – und bleibt, zumindest mit Worten, unbeantwortet.
Von Sebastians und Julias Mutter existiert in Brideshead tatsächlich ein Gemälde. Über einem Kamin in der Eingangshalle hängt ein Familienporträt im Stile mittelalterlicher Heiligenbilder. Lady Marchmain, die Herrin von Brideshead in der Mitte. So werden alle Bewohner des Anwesens zu Gemälden, zu Abbildungen ihrer selbst und weisen dabei wieder auf den Film selbst hin. Denn auch er ist bloß Abbild einer – wenn auch in diesem Fall fiktiven, weil einer Romanvorlage entstammenden – Realität.
