Im Gegensatz zur Fotografie, die nur einen Moment festhält, kommt in der Malerei die Stimmung des Moments zum Ausdruck, in der das Werk geschaffen wurde. Dies ist für Charles Ryder der Grund, die Malerei der Fotografie vorzuziehen. Die Schaffung eines gemalten oder gezeichneten Bildes eines Moments ist jedoch nicht nur Berufung Ryders, sondern auch wesentlicher Bestandteil von Brideshead revisited selbst. Dabei fallen einige Sequenzen besonders ins Auge.
Zu Beginn folgt Charles Ryder durch die Korridore und Türen eines Schiffes einer noch unbekannten Frau. In einem letzten Flur stellt er sie schließlich. Von seinem Gesicht führt der Blick der Kamera auf sie. Sie steht in der Mitte des Bildes, von vier oder fünf Türöffnungen eingerahmt. Doch Moment, sind das wirklich Türen? Steht sie tatsächlich in einer Flucht? Oder ist das nur ein Muster an der Wand? Ich kann es nicht genau sagen, das Bild ist zu flächig. Helles Holz auf dem Boden, die Wände dunkel getäfelt, rote Türrahmen, das Licht taucht sie in ihrem champangerfarbenen Kleid in warme Töne. Sie kennen sich, nicht nur flüchtig, das verraten ihre Blicke. Er zögert. Die Türen, obwohl geöffnet, scheinen die beiden zu trennen, mehr als eine Welt scheint zwischen ihnen zu liegen. Sie spricht ihn an: 'Hallo Charles.'
Die Szene ist dort zu Ende, wie sie weitergeht, wird erst beim zweiten Mal zum Ende des Films enthüllt und auch an dieser Stelle soll dies nicht vorweg genommen werden.
Kurz darauf wird Sebastian Flyte, ein Studienfreund Charles' eingeführt. Die Kamera fährt eine Wand entlang auf eine geöffnete Tür zu. Im Blickfeld, welches die Tür freigibt, sehen wir eben jenen Sebastian Flyte an einem herrschaftlich gedeckten Tisch mit einem opulenten floralen Gesteck sitzen. Er bewegt sich fast überhaupt nicht, er ist ganz darauf konzentriert, eine Kiebitzei zu schälen. Für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich eben diesen Menschen sehe oder nur ein Gemälde von ihm.
Eine weitere prägende Szene spielt in Venedig, in der zeitlichen Logik des Films mehrere Jahre vor der ersten Szene. Wieder verfolgt Charles – wir wissen mittlerweile, sie heißt – Julia, diesmal durch ein dunkles Zimmer eines venezianischen Palasts. Wieder zögert er, wieder schauen sie sich an. Julias homosexueller Bruder Sebastian tritt betrunken ein, umarmt Charles. Er schaut zu Julia, sie steht in einem Türrrahmen. Sebastian führt Charles aus dem Zimmer, dieser folgt zögernd. Ein letzter Blick zurück auf Julia. Sie schließt die schwarzen Flügel der großen Tür. Exakt in der Bildmitte befindet sich ein letzter schmaler geöffneter Spalt, gerade groß genug, um einen Streifen, ausgehend von der Gesichtsmitte bis zum äußeren Ende ihres rechten Auges, sichtbar zu lassen. Sie blickt Charles an – und schließt die Tür.
Später sehen wir die eingangs beschriebene Szene noch einmal. Doch ist sie diesmal nicht nach 'Hallo Charles' zu Ende. Sie stehen in diesem Korridor, schauen sich an, für einen Moment denke ich, nun wird sie wieder die Tür vor ihm schließen, sich vor ihm verschließen, der Film ist zu Ende. Doch dem ist nicht so! Charles tritt auf Julia zu und schließt die Tür hinter sich. Keine Tür trennt die beiden nun, sie sind in Liebe vereint.
Die starke Verengung des Bildraums, diese Cadrierung durch Türen, Torbögen, Fenster, Türrahmen erleben wir in Brideshead revisited unglaublich oft. Einzelne Personen darin wirken wie belebte Gemälde. Dadurch erleben wir eine Verdopplung der Leinwand. Die Personen werden augenscheinlich zu Gemälden auf einer Leinwand, der Film selbst ist aber ja auch nur ein Bild auf einer Leinwand. Er thematisiert hier seine eigene Bildhaftigkeit und Flächigkeit.
Charles Ryder ist obendrein Maler. Wenn er Julia so ansieht, eingerahmt in edles Holz, sieht er womöglich nur ihre Schönheit, die Oberflächlichkeit eines Gemäldes, als ein Teil von Brideshead, ein besonders ansehens- und begehrenswertes Stück Inventar. Er sieht sie überhaupt unglaublich oft eingerahmt oder auch hinter Glas. Es gibt neben den beschriebenen Szenen unzählige Einstellungen, in denen Julias Gesicht nur durch ein kleines Autofenster zu sehen ist, umfasst von den schwarzen Außenwänden des Autos. Sie ist für ihn unerreichbar, es gibt immer etwas, das die beiden trennt. Aber will Charles überhaupt Julia? Oder doch eigentlich nur das Anwesen? Diese Frage wird ihm auch im Film selbst gestellt – und bleibt, zumindest mit Worten, unbeantwortet.
Von Sebastians und Julias Mutter existiert in Brideshead tatsächlich ein Gemälde. Über einem Kamin in der Eingangshalle hängt ein Familienporträt im Stile mittelalterlicher Heiligenbilder. Lady Marchmain, die Herrin von Brideshead in der Mitte. So werden alle Bewohner des Anwesens zu Gemälden, zu Abbildungen ihrer selbst und weisen dabei wieder auf den Film selbst hin. Denn auch er ist bloß Abbild einer – wenn auch in diesem Fall fiktiven, weil einer Romanvorlage entstammenden – Realität.
Noch benommen von den elektronischen Klängen und den nicht enden wollenden weiß auf schwarz ausschlagenden Amplitudepegeln begab ich mich auf die nächtlichen Straßen, um ähnlich wie DJ Ickarus mit den unverzichtbaren Assecoirs MP3-Player samt Kopfhörern dahinzugehen. Doch nichts außer Stille – mein Akku hatte den Geist aufgegeben. Derartige narrative oder musikalische Stillstände (selbst der Tablettenakku war stets eher voll als leer) gab es in Hannes Stöhrs fiktivem DJ-Portrait nur äußerst selten und dann natürlich auffällig intendiert.

Ohne große Umschweife werden wir in den Alltag und die Fußballtrikotkollektion des coolen, Sonnenbrille tragenden und erfolgreichen Protagonisten DJ Ickarus eingeführt. Eine sehr oft wackelige Handkamera hält für uns ausverkaufte Festival- und Clubauftritte, glitzernde Discokugeln, aufblitzendes Stroboskoplicht, eine sich im Nebel der Dampfmaschine zur Musik bewegenden Menge, durchgeschwitzte Leibchen und feiernde, losgelöste Gesichter fest.

„Der ist auch der Hammer!“, kommentiert Ickarus einen seiner Tracks für sein neues Album. Die ersten gesprochenen Worte des Films und die zugleich verstummenden Elektrobeats verheißen nichts Gutes: Die kurz zuvor eingeführte heile Welt des DJ bekommt nach und nach tiefere Risse. Ein modernes mit witzigen Momenten bestücktes Woyzeckdrama nimmt seinen Lauf.

Alice, die britische Plattenlabelchefin findet die neuen Lieder des bald darauf hilflos wirkenden Ickarus nicht gut genug (später: Kein Albumrelease, Zertrümmerung von Alices Büro, Finanzamtschulden von 25.000 Euro), in der Beziehung zu seiner Freundin und Managerin Mathilde kriselt es (Ickarus verkehrt anal auf Discoklos und Mathilde zieht es zurück in die Arme ihrer bisexuellen Freundin Corinna, Gewaltausbrüche und Auszug Mathildes folgen), im Beisein seines Orgel spielenden Vaters und ehrgeizigen Bruders täuscht Ickarus ein geregeltes Leben vor, Ickarus’ Drogenquelle Erbse hält eine „böse Pille“ bereit und stellt damit den notwendigen Auslöser, um in eine andere Welt einzutauchen. Die Welt der psychischen Anstalt.

Eine statische und wahrscheinlich die längste Plansequenz des Films zeigt uns einen am Boden gekrümmt umher kriechenden Ickarus, der durch die Einnahme einer kleinen weißen Pille den Tiefpunkt seines Drogensumpfes erreicht hat.

Von der durch Türsteher und Plattenfirmen legitimierten Discoclubszene geht es ab in die Institution Klinik. Und eine weitere Pillenbeschaffende wird eingeführt – die als böse deklarierte, mysteriöse und fast unnahbar erscheinende Prof. Dr. Petra Paul (nicht umsonst von Corinna Harfouch gespielt). Eine 68er Schlampe, die nicht nur ihre Zierfische, sondern auch ihre verwirrten Patienten gern regelmäßig mit gelben und hellblauen Scheißpillen eindeckt. Neben den armen Irren und überforderten Zivildienstleistenden leidet Ickarus unter anhaltenden Halluzinationen. Für die Zuschauer auditiv nachvollziehbar wird dabei das imaginierte Klorauschen, das eher dem Geräuschpegel eines Wasserfalls entspricht.
Bei Rebellion gegen das stationäre Einschließungs-verfahren und einer attestierten suizidalen Gefahr wird Ickarus schließlich in die vergitterte „Einzelhaft“ weggesperrt.
Ganz im Gegensatz zu den immer wieder kehrenden Transiträumen der Straßen- und U-Bahn. Inspirierende Geräusche, aus denen Ickarus neue Ideen schöpft. Da kommt das Wegsperren von öffentlichen Verkehrs-mitteln und feiernden Mengen ganz schlecht.

Die drei Frauen Mathilde, Corinna und Alice sind es, die an Ickarus’ Lebenssaft – seine Musik glauben. Sie sind es, die ihm den Weg frei bahnen und ihn am Ende doch noch als sympathischen Helden erscheinen lassen. Corinna unterstützt ihn beispielsweise auf Kosten ihrer eigenen filmischen Präsenz. Und dennoch wird Ickarus’ Vater, der Schoß der Familie benötigt, um den Sohn aus den Fängen der Klinikleiterin zu befreien.

So wie Ickarus die Fliege aus dem durchsichtigen Trinkglas freilässt, um ihr einen anderen, evtl. aufgeschobenen Tod zu ermöglichen, so wird auch er keiner großen Alternative entgegenblicken, sondern gelassen einzelne Momente genießen. Denn subversive Alternativen gibt es nicht. Wir sind lediglich in der Lage dank der Transitmittel zwischen sehr begrenzten Spielräumen hin und her zu changieren.

Weniger heroisch spült Ickarus die Pillen der Paul die Kloschüssel hinunter. Mehr als jede Pille braucht er seine Musik (und Mathilde auch). Gebannt und verflacht ist nun jegliche Kritik am Patientengehorsam und der Pilleneinnahme, da durch die einseitige Patientensicht alle Schuld der Ärztin zugewiesen wird. Selbst das eingebaute retardierende Moment gegen Ende des Films, in dem man annehmen könnte, unser DJ hätte sich vor die Bahn gestürzt, wirkt dick aufgetragen. Ebenso Ickarus’ darauf folgende Vernichtung kostbaren Koks.

Zurückgekehrt in den DJ-Alltag und die Zwänge des Plattenlabels, dessen eigener Bestandteil er ist, lässt Ickarus sich im Sportraum der Anstalt vor bunten Gymnastikbällen im blauen Leibchen, den Fuß auf eine Discokugel stellend, ablichten. Auch Echtes wird inszeniert – das zeigt uns der Film, der ja selbst nicht anders funktioniert.

Tapeziert and alle Berliner Litfasssäulen und im Schutz seiner Familie erreicht Ickarus schließlich seine am Anfang des Films gesteckten Ziele – Albumrelease und Urlaub mit Mathilde. Am Ende sind wir wieder am Anfang angekommen - in einem Wartesaal eines Flughafens – nur dass es sich diesmal nicht um eine Konzertreise, sondern einen erholenden Urlaub dreht. Unerwähnt und ausgespart dabei bleibt natürlich die erneute Loslösung Mathildes von Corinna – da diese Frauenverbindung in jedem Moment des Films im Gegensatz zu jeder heterosexuellen Verbindung akribisch harmonisiert ins Bild gerückt wurde – zu harmonisch.

Statt des Albumtitels „Titten, Techno und Trompeten“ wird Ickarus erneut beschnitten – „Berlin Calling“ – ein Film, der von seiner eigenen Begrenztheit berichtet und trotzdem funktioniert.